Stammdatenqualität als Engpass der Marktkommunikation: Klärfälle, MaLo-ID und die Bereinigung vor dem MaBiS-Hub
Dieser Artikel zeigt, warum ein einzelnes falsches Feld gleichzeitig Wechsel, Abrechnung und Bilanzierung trifft, was der MaBiS-Hub am Prüfblick der Netzbetreiber ändert und in welcher Reihenfolge eine Bereinigung sinnvoll ist.
Stammdatenqualität in der Marktkommunikation ist der Zustand, in dem Marktlokation, Messlokation, Zuordnung und Bilanzkreis bei allen beteiligten Marktpartnern übereinstimmen; sie betrifft jeden Lieferanten, Netzbetreiber und Messstellenbetreiber und wird seit dem Start des 24-Stunden-Lieferantenwechsels am 6. Juni 2025 im laufenden Betrieb geprüft. In der ersten Woche des neuen MaLo-Identifikationsprozesses konnten laut ZfK nur rund 10 Prozent von etwa 250 getesteten Netzbetreibern die Nachrichten erfolgreich verarbeiten, fünf Werktage später waren es rund 80 Prozent. Die Stadtwerke München berichteten von einer fast verzehnfachten Zahl bilateraler Klärfälle. Der nächste Härtetest ist der MaBiS-Hub: Ab dem 1. April 2028 beginnt die Migration, der Produktivstart ist der 1. Oktober 2029, und Verteilnetzbetreiber liefern dann vor allem Stammdaten zu, ohne das Ergebnis noch selbst plausibilisieren zu können. Wer bis dahin bereinigen will, braucht 2027 saubere Daten, nicht 2028.
Warum Stammdaten jetzt der Engpass sind
Die Zeitreserve ist weg. Das ist der ganze Unterschied. Früher lagen zwischen Anmeldung und Wechseltermin Tage, in denen jemand eine abweichende Zuordnung noch gerade ziehen konnte, und genau diese Tage hat der 24-Stunden-Lieferantenwechsel gestrichen.
Was das im Echtbetrieb bedeutet, hat die ZfK vier Wochen nach dem Start am 6. Juni 2025 nachgezeichnet. In der ersten Woche des neuen MaLo-Identifikationsprozesses konnten nur etwa 10 Prozent von rund 250 getesteten Netzbetreibern die Nachrichten sauber empfangen und verarbeiten. Bis zum 13. Juni waren es rund 80 Prozent. Die Zahl der Marktnachrichten vervielfachte sich schlagartig, und die Stadtwerke München meldeten eine fast verzehnfachte Zahl bilateraler Klärfälle.
Das ist kein Einführungsrauschen, das sich auswächst. Es ist die Kennzahl, die vorher niemand gemessen hat.
Im Zentrum steht dabei ein Schlüssel: die Marktlokations-ID. Elf Stellen, rein numerisch, und anders als die Zählernummer bleibt sie bei einem Zählerwechsel gleich. Im neuen Prozess wird sie nicht mehr aus Unterlagen übernommen, sondern über einen Webservice ermittelt. Für die Antwort sind zwei Stunden vorgesehen. Wer nach zwei Stunden nichts liefert, hält den Wechsel auf.
Wie ein falsches Feld sich fortpflanzt
Ein Stammdatenfehler bleibt fast nie lokal. Die Beratung HORIZONTE Group beschreibt es im Mai 2026 so: Fehlerhafte Stammdaten wirken auf Rollen, Marktlokationen, Messlokationen, Bilanzkreise, Nachrichtenstatus und Fristen zugleich, weil überall dieselben Schlüssel stecken. Eine einzelne falsche Zuordnung erzeugt deshalb Folgefehler in der Bilanzierung, in der Abrechnung und im Meldewesen.
Die Ursache liegt selten in der Marktkommunikation selbst. Sie liegt in den Systemen dahinter. Geografisches Informationssystem, Energiedatenmanagement und SAP IS-U oder S/4HANA Utilities halten denselben Sachverhalt mehrfach, gewachsen über Jahre, und nicht immer gleich. Welches System recht hat, ist in vielen Häusern nie entschieden worden.
Für die Reparatur gibt es einen vorgesehenen Weg, den bilateralen Stammdatenabgleich. Bestandslisten gehen an den Netzbetreiber, der vergleicht sie mit seinen eigenen Daten, markiert Abweichungen und meldet sie zurück. Künftig verteilt jede verantwortliche Stelle ihre Stammdaten an die Berechtigten, die prüfen und eine Qualitätsrückmeldung geben.
Der teure Ausgang einer ungeklärten Zuordnungslücke ist nicht der Klärfall selbst. Es ist die Ersatz- oder Grundversorgung, in die der Kunde rutscht, während im Haus noch jemand sucht.
Was der MaBiS-Hub daran ändert
Der MaBiS-Hub verschiebt die Aggregation der Viertelstundenwerte und die Bilanzkreisabrechnung Strom auf eine zentrale Plattform. Verteilnetzbetreiber liefern danach vor allem abrechnungsrelevante Stammdaten zu. Die Verantwortung für die Bilanzkreisbewirtschaftung bleibt bei ihnen.
Marcel Linnemann von items hat den Kern in einem Satz zusammengefasst: Die Verantwortung bleibt, die Kontrollmöglichkeit wird reduziert. Wer heute eine unplausible Aggregation sieht, sieht sie, weil er die Topologie und die Messinfrastruktur seines Netzes kennt. Diese Kenntnis lässt sich nicht an eine Plattform abgeben.
Datenqualität entsteht an der Quelle, in den Messprozessen vor Ort und in einer fehlerfreien Marktkommunikation.
Dennis Stelzig, Hochfrequenz Unternehmensberatung, in der ZfK vom 15. Mai 2025Viele Häuser planen deshalb eine Schattenbilanzierung. Sie rechnen parallel weiter, um das Ergebnis des Hubs gegenprüfen zu können. Das erzeugt Doppelstrukturen mit eigenen Kosten, und es steht im Widerspruch zu der Effizienz, die die Zentralisierung bringen soll.
Ob der Aufwand gerechtfertigt ist, lässt sich schwer bestreiten, wenn man auf den Juni 2025 schaut. Ein Übertragungsnetzbetreiber, ansonsten für ein hohes Qualitätsniveau bekannt, konnte die Bilanzkreisabrechnung für diesen Monat nicht fristgerecht abschließen. Ursache waren Probleme bei einer Softwareumstellung anlässlich des 24-Stunden-Wechsels. Auf zentraler Ebene trifft so ein Ausfall alle gleichzeitig.
Ein weiterer Punkt fällt leicht unter den Tisch: Reklamationen laufen künftig nicht mehr direkt zwischen zwei Marktpartnern, sondern über zusätzliche Instanzen. Der kurze Dienstweg zum bekannten Ansprechpartner beim Nachbarversorger verschwindet.
Der Fahrplan bis 2029
Die Termine liegen fest genug, um daraus einen Bereinigungsplan abzuleiten. Das Festlegungsverfahren BK6-24-210 der Bundesnetzagentur war Anfang 2026 in der zweiten Konsultationsrunde, und die Umsetzung soll bis Ende 2028 abgeschlossen sein.
GeLi Gas 2.0 und UTILMD Gas 1.1
Der neue Prozess- und Formatstand im Gas greift. Der beschleunigte Lieferantenwechsel im Gas kommt darüber in den Regelbetrieb.
Situative Befüllung des Hubs
Der BDEW hält eine Befüllung mit Stamm- und Bewegungsdaten ab dem 1. Januar des Inbetriebnahmejahres für die beste Lösung, situativ bereits ab 2026. Ab hier zählt jedes bereinigte Feld doppelt.
Identifikation und Codes
Alle Marktteilnehmer und ihre Rollen werden identifiziert, Zertifikate und Kommunikationscodes verteilt, die Einzelkommunikation zum Hub wird aufgebaut.
Testsysteme
Testsysteme stehen bereit und werden erprobt. Parallel laufen die Vorbereitungen für den Parallelbetrieb bis Ende 2028.
Produktivstart
Der Hub übernimmt die Aggregation und die Bilanzkreisabrechnung Strom im Regelbetrieb.
Wer erst in der Migration 2028 bereinigt, bereinigt unter Termindruck und parallel zum Tagesgeschäft. Das Zeitfenster mit Luft ist 2027.
Gegenrede: nicht jede Frist ist ein IT-Großprojekt
An dieser Stelle lohnt eine Unterscheidung, die in der Diskussion oft untergeht. Der BDEW erwartete für den 24-Stunden-Wechsel im Gas nach damaligem Kenntnisstand keine zusätzlichen IT-Anpassungen. Der Gesetzgeber hat die EU-Vorgabe ohne inhaltliche Erweiterungen übernommen, und eine Neustrukturierung des Stammdatenaustauschs verlangt dieser Schritt nicht.
Der Aufwand im Gas steckt woanders, nämlich in GeLi Gas 2.0 und im neuen Format. Wer beides in einen Topf wirft, bindet Kapazität an der falschen Stelle.
Skepsis gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan gab es trotzdem. Dr. Constanze Adolf von items hielt den Gas-Termin 1. Januar 2026 im August 2025 für kaum realisierbar und eine stabile Produktivsetzung frühestens Mitte bis Ende 2026 für realistisch. Beide Einschätzungen widersprechen sich weniger, als es scheint: Die reine Fristerfüllung ist überschaubar, der Prozess- und Formatwechsel dahinter ist es nicht.
Die eigentliche Arbeit ist in keinem dieser Termine enthalten. Stammdaten bereinigt niemand als Nebenprodukt eines Release-Wechsels.
Wo es hakt
Die Bereinigung konkurriert mit dem Tagesgeschäft, und beides läuft über dieselben wenigen Köpfe. Das ist die praktische Hürde, nicht die Technik.
Es gibt noch einen Punkt, der sich schlecht messen lässt. Wer jahrelang mit denselben Marktpartnern telefoniert hat, klärt manches in fünf Minuten. Dieses Wissen steht in keinem System und geht mit jedem Wechsel im Team verloren.
Was Stadtwerke jetzt tun sollten
Der sinnvolle Einstieg ist eine Messung, keine Bereinigung. Wer ohne Zahlen anfängt, räumt dort auf, wo es am leichtesten fällt.
Fünf Schritte, in dieser Reihenfolge
-
Klärfälle nach Ursache klassifizieren
Nicht nach Bearbeiter, nicht nach Marktpartner, sondern nach dem Feld, das abweicht. Drei Monate reichen für ein belastbares Bild. Meistens konzentrieren sich die Fälle auf wenige Ursachen, und das ist die gute Nachricht.
-
Eine führende Quelle je Stammdatenobjekt festlegen
Diese Entscheidung ist unbequem, weil sie Zuständigkeiten verschiebt. Ohne sie bleibt jede Bereinigung vorläufig.
-
Den bilateralen Stammdatenabgleich als Regellauf einplanen
Nicht als Reaktion auf Beschwerden. Ein fester Turnus, ein fester Verantwortlicher, ein festes Berichtsformat.
-
Eine Ersterfolgsquote je Prozess einführen und monatlich berichten
Anteil der Vorgänge, die ohne manuellen Eingriff durchlaufen. Diese eine Zahl macht Fortschritt sichtbar und schützt das Thema, wenn das nächste Projekt um Kapazität konkurriert.
-
Die Bereinigung vor dem Hub-Fahrplan takten
Was 2028 in die Migration geht, muss 2027 sauber sein. Rechnen Sie rückwärts, nicht vorwärts.
Noch ein Hinweis zur Reihenfolge im Systemumfeld. Wer parallel die Ablösung von SAP IS-U plant, sollte die Bereinigung davorziehen. Eine Migration transportiert falsche Daten zuverlässig mit, nur schneller. Dasselbe gilt für den Umstieg auf API-basierte Kommunikation, den der MaKo-Fahrplan vorzeichnet.
Weiterführende Informationen
Häufig gestellte Fragen
Stammdatenqualität ist der Zustand, in dem Marktlokation, Messlokation, Zuordnung und Bilanzkreis bei allen beteiligten Marktpartnern übereinstimmen. Stimmen die Angaben, läuft ein Marktprozess ohne manuelle Nacharbeit durch. Weichen sie ab, entsteht ein Klärfall, und bei einem Lieferantenwechsel führt das schnell in die Ersatz- oder Grundversorgung.
Die Marktlokations-ID ist ein elfstelliger numerischer Schlüssel für eine Marktlokation im deutschen Strom- und Gasmarkt. Anders als die Zählernummer bleibt sie bei einem Zählerwechsel gleich. Seit dem Start des 24-Stunden-Lieferantenwechsels wird sie im Prozess über einen Webservice ermittelt, für dessen Antwort zwei Stunden vorgesehen sind.
Weil die Zeit für manuelle Nacharbeit fehlt. Im alten Takt konnte ein Sachbearbeiter eine abweichende Zuordnung vor dem Wechseltermin klären. Im 24-Stunden-Takt läuft der Prozess weiter und die Abweichung wird zum Klärfall. Die Stadtwerke München berichteten nach dem Start von einer fast verzehnfachten Zahl bilateraler Klärfälle.
Der MaBiS-Hub übernimmt die Aggregation der Viertelstundenwerte und die Bilanzkreisabrechnung Strom zentral. Verteilnetzbetreiber liefern vor allem abrechnungsrelevante Stammdaten zu und verlieren den eigenen Blick auf das Ergebnis. Die Verantwortung für die Bilanzkreisbewirtschaftung bleibt bei ihnen, weshalb viele Häuser eine Schattenbilanzierung planen.
Praktisch 2027. Der Migrationsstart des MaBiS-Hub ist der 1. April 2028, Testsysteme stehen von Juli bis September 2028 bereit, der Produktivstart ist der 1. Oktober 2029. Wer erst in der Migration bereinigt, bereinigt unter Termindruck. Der BDEW hält eine situative Befüllung mit Stamm- und Bewegungsdaten schon ab 2026 für sinnvoll.
Zum 1. April 2026 greifen GeLi Gas 2.0 und das Format UTILMD Gas 1.1. Der BDEW erwartete für die reine Fristerfüllung des beschleunigten Wechsels im Gas keine zusätzlichen IT-Anpassungen und keine Neustrukturierung des Stammdatenaustauschs. Der Aufwand steckt im neuen Prozess- und Formatstand, nicht in der Frist selbst.