Marktrollen im Deutschen Energiemarkt
Der deutsche Energiemarkt ist durch eine klare Trennung von Netz und Vertrieb gekennzeichnet. Die verschiedenen Marktrollen sind in vier Ebenen organisiert und kommunizieren über standardisierte Prozesse (GPKE, MaBiS, WiM) und Datenformate (EDIFACT). Dieser Leitfaden gibt dir eine vollständige Übersicht.
- Der deutsche Energiemarkt ist in vier Ebenen gegliedert: Netz, Markt, Mess und Kunde.
- Über 15 definierte Marktrollen agieren auf Basis von EnWG, MsbG und BNetzA-Festlegungen.
- 7 zentrale Kommunikationsprozesse (GPKE, MaBiS, WiM, MPES, GeLi Gas, Redispatch 2.0) standardisieren den Datenaustausch.
- EDIFACT ist das verbindliche Nachrichtenformat für die Marktkommunikation.
- MaLo-ID und MeLo-ID sind die zentralen Identifikatoren für Markt- und Messlokationen.
- Für Energieversorger, Stadtwerke, Netzbetreiber und Messstellenbetreiber.
Struktur des Energiemarkts
Der deutsche Energiemarkt ist durch eine klare Trennung von Netzbetrieb und Vertrieb (Unbundling) gekennzeichnet. Die verschiedenen Marktrollen sind in vier Ebenen organisiert und kommunizieren über standardisierte Prozesse (GPKE, MaBiS, WiM) und Datenformate (EDIFACT). Diese Struktur gewährleistet einen diskriminierungsfreien Netzzugang für alle Marktteilnehmer und fördert den Wettbewerb im Energiemarkt.
Liberalisierung und Unbundling
Die Liberalisierung des deutschen Strommarkts begann 1998 mit der Umsetzung der ersten EU-Binnenmarktrichtlinie. Das Kernprinzip: Trennung von Monopolbereichen (Netzbetrieb) und wettbewerblichen Bereichen (Erzeugung, Handel, Vertrieb).
- 1998: Erstes Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) -- Beginn der Marktliberalisierung
- 2005: Zweites EnWG -- Einrichtung der Regulierungsbehörde (BNetzA)
- 2011: Energiewende nach Fukushima -- verstärkte Einspeisung erneuerbarer Energien
- 2016: Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) -- Smart-Meter-Rollout
- 2021: Redispatch 2.0 -- Integration dezentraler Erzeugungsanlagen
Die vier Marktebenen
- Netzebene: Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB), Verteilnetzbetreiber (VNB) und Anschlussnetzbetreiber (ANB) stellen die physische Infrastruktur bereit. Sie sind regulierte Monopole und unterliegen der Entgeltregulierung durch die BNetzA.
- Marktebene: Lieferanten (LF), Bilanzkreisverantwortliche (BKV), Direktvermarkter (DV) und weitere Akteure organisieren den Energiehandel. Hier herrscht Wettbewerb -- jeder Kunde kann seinen Lieferanten frei wählen.
- Messebene: Messstellenbetreiber (MSB), Gateway-Administratoren (GWA) und externe Systemanbieter (ESA) erfassen und verarbeiten Messdaten. Seit dem MsbG herrscht auch hier Wettbewerb zwischen gMSB und wMSB.
- Kundenebene: Letztverbraucher, Anlagenbetreiber und Prosumer als Endverbraucher und dezentrale Erzeuger. Sie sind die wirtschaftlichen Treiber des Systems und zunehmend aktive Marktteilnehmer.
Unbundling-Anforderungen
Das Unbundling (Entflechtung) soll Diskriminierung verhindern und Wettbewerb ermöglichen:
- Rechtliches Unbundling: Der Netzbetrieb muss in einer eigenen Rechtsform geführt werden (ab 100.000 Kunden)
- Operationelles Unbundling: Eigenständige Entscheidungsbefugnis für den Netzbetrieb
- Informationelles Unbundling: Vertrauliche Behandlung wirtschaftlich sensibler Daten
- Buchhalterisches Unbundling: Getrennte Rechnungslegung für Netz- und Vertriebsaktivitäten (alle Unternehmen)
Für ÜNB gelten noch strengere Anforderungen: eigentumsrechtliches Unbundling (OU) oder das Modell des Unabhängigen Transportnetzbetreibers (ITO).
Gesetzliche Grundlagen
Marktrollen und ihre Pflichten werden durch einen komplexen Regulierungsrahmen definiert:
- EnWG -- Energiewirtschaftsgesetz: Zentrale Rechtsgrundlage für den Ordnungsrahmen des Energiemarkts, Netzzugang, Unbundling und Regulierung
- MsbG -- Messstellenbetriebsgesetz: Regelt den Smart-Meter-Rollout und die Rechte/Pflichten der Messstellenbetreiber
- StromNZV -- Stromnetzzugangsverordnung: Detailliert den Netzzugang, Bilanzkreissystem und Fahrplanmanagement
- StromNEV -- Stromnetzentgeltverordnung: Berechnung der Netznutzungsentgelte
- EEG -- Erneuerbare-Energien-Gesetz: Förderung und Einspeisung erneuerbarer Energien
- KWKG -- Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz: Förderung hocheffizienter KWK-Anlagen
Darüber hinaus konkretisieren BNetzA-Festlegungen (BK6/BK7) wie GPKE, MaBiS, WiM, MPES die technischen und operativen Details.
Kommunikation zwischen Marktteilnehmern
Die Marktkommunikation erfolgt ausschließlich über standardisierte Formate und Prozesse:
- EDIFACT: Elektronisches Datenformat basierend auf UN/EDIFACT -- standardisiert durch edi@energy (BDEW/DVGW)
- AS4: Sichere Kommunikationsplattform für den Datenaustausch (ersetzt zunehmend den E-Mail-basierten EDIFACT-Versand)
- Marktpartner-IDs: Eindeutige Kennungen (BDEW-Codenummer, EIC) zur Identifikation aller Teilnehmer
- Fristen: Feste Antwortzeiten (z. B. 5 Werktage für Lieferantenwechsel-Bestätigung)
Netzebene
Die Netzebene umfasst alle Akteure, die für den physischen Transport von Strom verantwortlich sind -- vom Höchstspannungsnetz bis zum Hausanschluss.
Übertragungsnetzbetreiber
NetzebeneBetreibt das Höchstspannungsnetz (220-380 kV) und ist verantwortlich für Systemstabilität, Regelenergie und den überregionalen Stromtransport.
Kernaufgaben
- Systemstabilität und Frequenzhaltung (50 Hz)
- Regelenergiebeschaffung und -einsatz
- Bilanzkreismanagement als BIKO
- Redispatch und Engpassmanagement
- Netzausbauplanung (Netzentwicklungsplan)
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
TenneT, 50Hertz, Amprion, TransnetBW
Verteilnetzbetreiber
NetzebeneBetreibt das Mittel- und Niederspannungsnetz und stellt die Verbindung zwischen Übertragungsnetz und Endverbrauchern her.
Kernaufgaben
- Betrieb und Instandhaltung des Verteilnetzes
- Netzanschluss und Netzzugang gewähren
- Vergabe von MaLo-IDs und Stammdatenpflege
- Netznutzungsabrechnung
- Zählerdatenmanagement und -weiterleitung
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
Schleswig-Holstein Netz, Westnetz, Stromnetz Berlin
Anschlussnetzbetreiber
NetzebeneDer Netzbetreiber, an dessen Netz eine Marktlokation physisch angeschlossen ist. Häufig identisch mit dem VNB.
Kernaufgaben
- Physischer Netzanschluss und Stammdatenverwaltung
- Zuordnung der Marktlokation zum Netzgebiet
- Koordination im Redispatch 2.0
- Bereitstellung von Netzzustandsdaten
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
Identisch mit VNB oder spezialisierte Unternehmen
Marktebene
Die Marktebene umfasst alle Rollen, die am Handel, der Bilanzierung und der Vermarktung von Energie beteiligt sind. Hier findet der Wettbewerb statt -- getrennt vom regulierten Netzbetrieb.
Lieferant
MarktebeneBeliefert Endkunden mit Strom oder Gas und ist vertraglich für die Energielieferung verantwortlich.
Kernaufgaben
- Abschluss von Lieferverträgen mit Endkunden
- Energiebeschaffung (Börse, OTC, Eigenproduktion)
- Lieferantenwechselprozesse (An-/Abmeldung)
- Kundenabrechnung
- Wechselprozesse und Kundenservice
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
E.ON, Vattenfall, EnBW, Stadtwerke
Bilanzkreisverantwortlicher
MarktebeneVerantwortlich für den Ausgleich von Einspeisungen und Entnahmen innerhalb eines Bilanzkreises.
Kernaufgaben
- Führung eines oder mehrerer Bilanzkreise
- Fahrplananmeldung beim ÜNB
- Ausgleich von Einspeisungen und Entnahmen
- Abrechnung der Ausgleichsenergie
- Prognose und Beschaffung
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
Große Versorger, Energiehändler, Industrieunternehmen
Bilanzkoordinator
MarktebeneRolle des ÜNB für die Koordination und Abrechnung aller Bilanzkreise innerhalb einer Regelzone.
Kernaufgaben
- Aggregation der Bilanzkreisdaten je Regelzone
- Ermittlung der Ausgleichsenergiepreise
- Clearing und Abrechnung gegenüber BKV
- Überwachung der Bilanzkreistreue
- Veröffentlichung der Ausgleichsenergiepreise
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
TenneT (als BIKO), 50Hertz (als BIKO)
Direktvermarkter
MarktebeneVermarktet Strom aus erneuerbaren Energiequellen direkt am Spotmarkt im Auftrag von Anlagenbetreibern.
Kernaufgaben
- Vermarktung von EE-Strom an der Börse
- Fernsteuerung der Erzeugungsanlagen
- Prognoseerstellung und Fahrplanmanagement
- Abrechnung der Marktprämie
- Portfoliomanagement
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
Next Kraftwerke, Statkraft, EnBW
Einspeisevorrangberechtigter
MarktebeneVerantwortlich für die Steuerung einer technischen Ressource im Rahmen des Redispatch 2.0.
Kernaufgaben
- Steuerung von Anlagen im Redispatch 2.0
- Umsetzung von Abregelungssignalen
- Ermittlung und Abrechnung der Ausfallarbeit
- Meldung an den ANB/VNB
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
Direktvermarkter, Anlagenbetreiber, Aggregatoren
Messebene
Die Messebene umfasst alle Rollen rund um die Erfassung, Verarbeitung und Übermittlung von Energiemessdaten. Mit dem Smart-Meter-Rollout gewinnt diese Ebene zunehmend an Bedeutung.
grundzuständiger Messstellenbetreiber
MessebeneDer automatisch zuständige Messstellenbetreiber für ein Netzgebiet, typischerweise der örtliche Netzbetreiber.
Kernaufgaben
- Smart-Meter-Rollout (iMSys) für Pflichteinbaufälle
- Einbau, Betrieb und Wartung von Messeinrichtungen
- Messdatenerhebung und -übermittlung
- Einhaltung der gesetzlichen Preisobergrenzen
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
Netzbetreiber-Töchter, Stadtwerke
wettbewerblicher Messstellenbetreiber
MessebeneUnabhängiger Anbieter für den Messstellenbetrieb, frei wählbar durch den Anschlussnutzer.
Kernaufgaben
- Wettbewerblicher Messstellenbetrieb auf Kundenwunsch
- Erweiterte Analysefunktionen und Mehrwertdienste
- Speziallösungen für Gewerbe- und Industriekunden
- Übernahme der Messstelle vom gMSB
- Flexible Tarifmodelle
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
EHA, Discovergy, Commetering
Externer Systemanbieter
MessebeneBietet energiebezogene Dienste auf Basis von Messdaten an.
Kernaufgaben
- Bereitstellung von Energiedaten-Analysediensten
- Demand-Response-Anwendungen
- Smart-Home-Integration und Visualisierung
- Anbindung an das Smart Meter Gateway
- Abrechnungsdienste
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
Energieberater, Smart-Home-Anbieter, Abrechnungsdienstleister
Gateway-Administrator
MessebeneAdministriert Smart Meter Gateways und steuert die sichere Datenkommunikation.
Kernaufgaben
- Administration der Smart Meter Gateways
- Verwaltung der SM-PKI (Public Key Infrastructure)
- Konfiguration der Kommunikationsprofile
- Sicherstellung der IT-Sicherheit nach BSI-Standards
- Fernwartung und Updates
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
MSB-interne Funktion, spezialisierte IT-Dienstleister
Kundenebene
Die Kundenebene umfasst alle Marktteilnehmer, die Energie verbrauchen, erzeugen oder beides tun. Ihre Rechte und Pflichten sind in EnWG, EEG und MsbG definiert.
Letztverbraucher
KundenebeneDer Endempfänger von Energie zum Eigenverbrauch.
Kernaufgaben
- Freie Wahl des Energielieferanten
- Anspruch auf Netzanschluss und Grundversorgung
- Duldungspflicht für Smart-Meter-Einbau
- Recht auf transparente Abrechnung
- Recht auf monatliche Verbrauchsinformation (bei iMSys)
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
Haushalte, Gewerbebetriebe, Industriekunden
Anlagenbetreiber
KundenebeneBetreiber einer Stromerzeugungsanlage (z. B. PV, Wind, KWK).
Kernaufgaben
- Betrieb von EE- oder KWK-Anlagen
- Registrierung im Marktstammdatenregister (MaStR)
- Wahl der Vermarktungsform (Einspeisevergütung, Direktvermarktung, sonstige)
- Einhaltung der technischen Anschlussregeln
- Duldung von Redispatch-Maßnahmen
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
PV-Anlagenbetreiber, Windparkbetreiber, KWK-Betreiber
Prosumer
KundenebeneKombination aus Produzent und Konsument -- erzeugt und verbraucht Energie.
Kernaufgaben
- Eigenverbrauch des selbst erzeugten Stroms
- Überschusseinspeisung ins öffentliche Netz
- Teilnahme an Flexibilitätsmärkten (perspektivisch)
- Nutzung von Speichersystemen
- Steuerbare Verbrauchseinrichtungen nach §14a EnWG
Relevante Prozesse
Kommuniziert mit
Beispiele
Eigenheimbesitzer mit PV, Gewerbegebäude mit KWK
Marktkommunikationsprozesse
Die Marktkommunikation im deutschen Energiemarkt ist vollständig standardisiert. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat über ihre Beschlusskammern (BK6 für Strom, BK7 für Gas) verbindliche Prozessbeschreibungen festgelegt, an die sich alle Marktteilnehmer halten müssen. Diese Prozesse definieren exakte Abläufe, Fristen und Nachrichtenformate.
Kernprinzipien der Marktkommunikation
- Vollautomatisierung: Alle Prozesse laufen elektronisch über EDIFACT-Nachrichten -- keine manuellen Schritte
- Fristengebunden: Jeder Prozessschritt hat definierte Antwortfristen (z. B. 5 Werktage, 10 Werktage)
- Bilaterale Kommunikation: Direkter Nachrichtenaustausch zwischen den beteiligten Parteien
- Clearingstellen: Streitbeilegungsmechanismen bestehen (z. B. BDEW Clearing)
- Formatvalidierung: Syntaktische und semantische Prüfung aller Nachrichten vor der Verarbeitung
Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität
Regelt alle Prozesse rund um die Strombelieferung von Endkunden: Lieferantenwechsel, Ein-/Auszug, Netznutzungsabrechnung und Stammdatenaustausch.
- Lieferantenwechsel: Anmeldung durch neuen LF > Bestätigung/Ablehnung durch VNB (5 WT) > Abmeldung an alten LF
- Einzug: Kunde meldet Einzug beim Lieferanten > LF meldet beim VNB an
- Auszug: Kunde kündigt oder LF meldet Auszug
- Vorlaufzeit: Mind. 3 Wochen vor Lieferbeginn
Nachrichten: UTILMD (Stammdaten), MSCONS (Zählerstände), INVOIC (Rechnungen)
Marktregeln für die Bilanzkreisabrechnung Strom
Definiert den Datenaustausch für das Bilanzkreismanagement und die Abrechnung zwischen allen relevanten Parteien.
- Aggregierte Zeitreihen: VNB meldet aggregierte Werte je Bilanzkreis
- Bilanzkreissummierung: BIKO erstellt Gesamtbilanz je Bilanzkreis
- Ausgleichsenergie: Berechnung der Abweichungen zwischen Fahrplan und Ist
- Monatliche Abrechnung: Ausgleichsenergiekosten an BKV
Nachrichten: MSCONS (Zeitreihen), UTILTS (Fahrpläne), INVOIC (Abrechnung)
Wechselprozesse im Messwesen
Regelt alle Prozesse rund um den Messstellenbetrieb: MSB-Wechsel, Gerätewechsel, Messdatenübermittlung.
- MSB-Wechsel: Anschlussnutzer beauftragt wMSB > Anfrage an gMSB > Zählertausch
- Gerätewechsel: Zählerausbau/-einbau mit Protokoll und Datenübermittlung
- Messdatenübermittlung: MSB liefert Ablesungen an berechtigte Empfänger (VNB, LF)
- Fristen: MSB-Wechsel erfordert mind. 2 Monate Vorlaufzeit
Nachrichten: UTILMD (Gerätestammdaten), MSCONS (Zählerstände), ORDERS/ORDRSP
Marktprozesse für Erzeugungsanlagen Strom
Standardisiert die Kommunikation für dezentrale Erzeugungsanlagen (EEG, KWK, sonstige).
- Anlagenstammdaten: Meldung technischer Daten an VNB/ANB
- Vermarktungswechsel: Wechsel zwischen Einspeisevergütung und Direktvermarktung
- Zuordnung: Zuordnung der Anlage zu Bilanzkreis/Direktvermarkter
- Entschädigung: Prozesse für abgeregelte Energie und Kompensation
Nachrichten: UTILMD (Anlagendaten), MSCONS (Einspeisewerte), INVOIC (EEG-Vergütung)
Geschäftsprozesse Lieferantenwechsel Gas
Pendant zur GPKE für den Gasmarkt mit gasspezifischen Anpassungen.
- SLP-Kunden: Standardlastprofilkunden mit geschätztem Verbrauch
- RLM-Kunden: Registrierende Leistungsmessung für Großkunden
- Brennwertübermittlung: Zusätzliche gasspezifische Messparameter
- Allokation: Zuordnung von Gasmengen zu Bilanzkreisen
Nachrichten: UTILMD, MSCONS, INVOIC (analog zur GPKE)
Engpassmanagement mit EE-/KWK-Anlagen
Seit 01. Oktober 2021: Alle Erzeugungsanlagen ab 100 kW (und steuerbare Verbrauchseinrichtungen) werden in das Engpassmanagement einbezogen.
- Stammdatenaustausch: Technische Ressourcen werden detailliert gemeldet (Leistung, Standort, Steuerbarkeit)
- Planwerte: EIV meldet tägliche Planwerte für Erzeugung/Verbrauch
- Abruf: Netzbetreiber kann Abregelung/Erhöhung anfordern
- Bilanzielle Kompensation: BKV rechnet Abweichungen ab
- Entschädigung: Anlagenbetreiber erhält Kompensation für Abregelung
Nachrichten: UTILMD (Stammdaten TR/SR/LR), UTILTS (Planwerte), spezielle Abrufformate
Beispiel: Lieferantenwechselprozess
Ein typischer Lieferantenwechsel nach GPKE läuft wie folgt ab:
- Tag 0: Kunde schließt Vertrag mit neuem Lieferanten (LF-neu). Kunde erteilt LF-neu Vollmacht zur Kündigung und Anmeldung.
- Tag 1: LF-neu sendet Kündigung an LF-alt (optional, bei Bevollmächtigung)
- Tag 1: LF-neu sendet Anmeldung (UTILMD) an VNB mit gewünschtem Lieferbeginn
- Tag 1-5: VNB prüft Anmeldung (MaLo vorhanden? Daten korrekt? Kein Doppelwechsel?)
- Tag 6: VNB bestätigt Anmeldung (UTILMD-Antwort) oder lehnt mit Begründung ab
- Tag 6: VNB sendet Abmeldung an LF-alt
- Tag 6-10: LF-alt bestätigt Abmeldung oder widerspricht
- Lieferbeginn: Ab vereinbartem Datum beliefert LF-neu; VNB ordnet MaLo dem Bilanzkreis von LF-neu zu
- Nach Wechsel: MSB übermittelt Zählerstand zum Wechselzeitpunkt für Endabrechnung
Mindestvorlaufzeit: Lieferantenwechsel muss mindestens 3 Wochen vor gewünschtem Lieferbeginn angemeldet werden. Pro Marktlokation ist nur ein Wechsel pro Kalendermonat zulässig.
EDIFACT-Nachrichtentypen
Die Marktkommunikation nutzt standardisierte EDIFACT-Formate gemäß edi@energy für den Datenaustausch zwischen Marktteilnehmern. EDIFACT (Electronic Data Interchange for Administration, Commerce and Transport) ist ein internationaler UN-Standard, der für die deutsche Energiewirtschaft durch BDEW und DVGW spezifiziert wird.
Aufbau einer EDIFACT-Nachricht
Jede EDIFACT-Nachricht folgt einer standardisierten Struktur:
- UNA: Trennzeichen-Festlegung -- definiert Begrenzungszeichen
- UNB: Übertragungskopf -- Sender, Empfänger, Zeitstempel
- UNH: Nachrichtenkopf -- Nachrichtentyp und Version
- Segmente: Inhaltsdaten gemäß Anwendungshandbuch (AHB)
- UNT: Nachrichtenende -- Segmentanzahl
- UNZ: Übertragungsende -- Nachrichtenanzahl
Die genaue Struktur wird in den MIGs (Message Implementation Guides) definiert, die edi@energy regelmäßig aktualisiert.
Zentrale Nachrichtenformate
Stammdaten -- Kunden, Verträge, Zähler, Anlagen. Verwendet für An-/Abmeldungen, Gerätewechsel, Stammdatenaktualisierungen
Messdaten -- Zählerstände, Energiemengen, Lastgänge. Das Rückgrat der Messdatenübermittlung
Zeitreihen -- Fahrpläne, Prognosen, Berechnungswerte. Wichtig für Bilanzierung und Redispatch
Bestellungen -- Anfragen für Gerätewechsel, Ablesung, Sperrung/Entsperrung
Bestellantwort -- Bestätigung oder Ablehnung von ORDERS-Anfragen
Rechnungen -- Netznutzung, Messtellenbetrieb, EEG-Umlage, Bilanzkreisabrechnung
Zahlungsavis -- Informationen über erfolgte oder geplante Zahlungen
Prüfbericht -- Ergebnisse technischer Prüfungen (Zähler, Anlagen)
Syntaxprüfung -- Technische Empfangsbestätigung auf Syntaxebene
Anwendungsbestätigung -- Fachliche Prüfung und Rückmeldung (Annahme/Ablehnung)
Angebotsanfrage -- Preisanfragen für Netzanschlüsse
Angebot -- Kostenvoranschlag für Netzanschluss oder -erweiterung
Versionierung und Updates
EDIFACT-Formate werden regelmäßig aktualisiert:
- edi@energy: Gemeinsame Plattform von BDEW und DVGW für die Formatpflege
- Formatversionen: Derzeit z. B. UTILMD 5.2g, MSCONS 2.4b
- Einführungstermine: Neue Formatversionen werden zu festen Terminen eingeführt (01. April / 01. Oktober)
- Übergangsphase: Alte und neue Versionen werden im Übergang parallel akzeptiert
- Validierungstools: edi@energy stellt kostenlose Validierungswerkzeuge bereit
Zentrale Identifikatoren
Der deutsche Energiemarkt verwendet zahlreiche standardisierte Identifikatoren, um Lokationen, Geräte und Marktpartner eindeutig zu identifizieren. Diese IDs sind die Grundlage der automatisierten Marktkommunikation.
Lokationsidentifikatoren
Seit der Einführung des Markt-/Messlokationsmodells 2017 werden Entnahme- und Einspeisepunkte über zwei getrennte ID-Systeme identifiziert:
11-stellige numerische ID für jeden kaufmännischen Entnahme-/Einspeisepunkt. Die MaLo ist der Bilanzierungspunkt und wird einem Bilanzkreis zugeordnet. Vergabe durch den VNB.
33-stellige alphanumerische ID für technische Messpunkte. Beginnt mit Ländercode (DE). Eine MaLo kann mehrere MeLos haben (z. B. Zweirichtungszähler). Vergabe durch den VNB.
Eindeutige ID für steuerbare Erzeugungsanlagen im Kontext von Redispatch 2.0. Identifiziert die physische Anlage unabhängig von der MaLo-Zuordnung.
Herstellerspezifische Seriennummer des Zählers oder Messgeräts. Bei Smart Metern auch die Gateway-ID für die Kommunikation.
Marktpartner-Identifikatoren
Jeder Marktteilnehmer benötigt eindeutige Kennungen für die Kommunikation:
13-stellige Nummer zur eindeutigen Identifikation von Marktpartnern in der EDIFACT-Kommunikation. Vergabe durch den BDEW, Pflicht für alle Marktteilnehmer.
16-stelliger europäischer Code für Marktpartner, Bilanzgebiete und Regelzonen. Relevant für grenzüberschreitenden Handel und Fahrplanmanagement. Vergabe durch ENTSO-E.
13-stellige GS1-Nummer zur internationalen Standortidentifikation. Wird in einigen Fällen parallel zur BDEW-Codenummer verwendet.
Registrierungsnummer im BNetzA-Marktstammdatenregister. Pflicht für alle Erzeugungsanlagen und Speicher. Format: 3 Buchstaben + 12 Ziffern.
Bilanzierungs-Identifikatoren
- Bilanzkreis-ID: 16-stellige Kennung für Bilanzkreise, Format ähnlich wie EIC. Vergabe durch BIKO/ÜNB.
- Regelzonen-ID: Kennung für die vier deutschen Regelzonen (TenneT, 50Hertz, Amprion, TransnetBW)
- Netzgebiet-ID: Eindeutige Kennung für das Netzgebiet jedes VNB
Weiterführende Informationen
Häufige Fragen zu Marktrollen im Energiemarkt
Der VNB (Verteilnetzbetreiber) ist für den sicheren Betrieb des Verteilnetzes in Mittel- und Niederspannung verantwortlich und übernimmt eine zentrale Rolle in der Marktkommunikation (GPKE, MaBiS, WiM). Der ANB (Anschlussnetzbetreiber) ist der Netzbetreiber, an dessen Netz die Entnahmestelle physisch angeschlossen ist.
- In den meisten Fällen sind VNB und ANB identisch
- In Netzgebieten mit mehreren Betreibern kann der ANB abweichen
- Der ANB ist besonders relevant für Redispatch 2.0 und MPES
Der grundzuständige Messstellenbetreiber (gMSB) ist nach MsbG §§2-4 für den Smart-Meter-Rollout verantwortlich.
- Der gMSB ist typischerweise der örtliche Netzbetreiber oder dessen Tochtergesellschaft
- Pflichteinbau ab bestimmten Verbrauchsgrenzen (> 6.000 kWh/a)
- Alternativ kann der Anschlussnutzer einen wMSB beauftragen
- Gesetzliche Preisobergrenzen nach MsbG sind einzuhalten
Die GPKE (Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität) ist eine BNetzA-Festlegung, die alle Geschäftsprozesse rund um die Strombelieferung von Endkunden standardisiert.
- Lieferantenwechsel: Kompletter Ablauf vom Vertragswechsel bis zum Lieferbeginn
- Ein-/Auszug: An- und Abmeldung von Verbrauchern
- Stammdatenaustausch: Synchronisation der Kundendaten
- Zählerstandsübermittlung: Standardisierte Übertragung von Verbrauchsdaten
Ein Bilanzkreis ist ein virtuelles Energiemengenkonto, in dem Einspeisungen und Entnahmen bilanziert werden.
- Jede Marktlokation muss einem Bilanzkreis zugeordnet sein
- Der BKV ist verantwortlich für den Ausgleich
- Abweichungen werden über Ausgleichsenergie abgerechnet
- Die Abrechnung übernimmt der BIKO (Bilanzkoordinator)
Redispatch 2.0 ist das seit Oktober 2021 geltende Verfahren zum Engpassmanagement im Stromnetz, das erstmals auch EE- und KWK-Anlagen ab 100 kW einbezieht.
- Netzbetreiber können Erzeugungsanlagen zur Reduzierung ihrer Einspeisung anweisen
- Anlagenbetreiber erhalten Entschädigung für entgangene Erlöse
- Neue Rolle des EIV (Einspeisevorrangberechtigter) für die Einsatzsteuerung
- Komplexer Datenaustausch zwischen ANB, EIV und BKV
Die Marktlokation (MaLo) und die Messlokation (MeLo) sind unterschiedliche Konzepte im deutschen Energiemarkt.
- MaLo: Bilanzierungspunkt für Energiemengen (kaufmännisch) -- 11-stellige numerische ID
- MeLo: Physischer Messpunkt (technisch) -- 33-stellige alphanumerische ID
- Eine MaLo kann mehrere MeLos haben (z. B. Zweirichtungszähler mit separater Einspeisung/Entnahme)
- Eine MeLo kann auch mehreren MaLos zugeordnet sein (virtuelle Aufteilung)
- Zuordnung und Vergabe erfolgen durch den VNB