Umspannwerk mit Strommasten und Freileitungen in nebliger Morgenlandschaft, Leitungen laufen in mehrere Richtungen aus dem Bild
ENERGIEWIRTSCHAFT & NACHHALTIGKEIT

MARI und PICASSO: wie Europa seinen Regelenergiemarkt zusammenschaltet

Regelenergie hält das Netz auf 50 Hertz, wenn Einspeisung und Verbrauch auseinanderlaufen. Lange organisierte jedes Land diese Reserve für sich. PICASSO und MARI ändern das, sie koppeln die nationalen Märkte zu zwei europäischen Plattformen. 2026 wächst dieser Verbund spürbar, und das verschiebt die Preise für alle, die Bilanzkreise führen oder Flexibilität vermarkten.

Dieser Artikel erklärt vier Dinge. Was PICASSO für die automatische Sekundärregelleistung leistet und was MARI für die manuelle Minutenreserve. Auf welchem Recht beide stehen. Wer 2026 dazukommt. Und warum die Kopplung die Ausgleichsenergiepreise sinken lässt, bis in die Portfoliosteuerung von Stadtwerken und Bilanzkreisverantwortlichen hinein.

Zusammenfassung

PICASSO ist die europäische Plattform für automatische Sekundärregelleistung (aFRR), seit Juni 2022 im Betrieb, gestartet mit Deutschland, Österreich und Tschechien. Die zentrale Aktivierungsoptimierung räumt die grenzüberschreitende Merit-Order alle 4 Sekunden und bildet je Richtung einen Grenzpreis, abgerechnet in 15-Minuten-Zeitscheiben. MARI ist die europäische Plattform für manuelle Minutenreserve (mFRR), seit dem 5. Oktober 2022 im Betrieb, gestartet mit CEPS und den vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern. 2026 wächst der Verbund: ESO aus Bulgarien ging am 18. Februar auf MARI, RTE aus Frankreich am 16. April, PSE aus Polen ist vorläufig für September geplant, IPTO aus Griechenland für das Jahr. Beide Plattformen setzen die Electricity Balancing Guideline (EU) 2017/2195 um, aFRR nach Artikel 21, mFRR nach Artikel 20. ACER schärfte die Regeln mit den Beschlüssen 08/2024 und 09/2024 vom 9. Juli 2024 nach. Die Kopplung senkt die Preise messbar: In Belgien fielen die Ausgleichsenergie-Spreads nach dem PICASSO-Beitritt um rund 55 Prozent, in den Niederlanden um etwa 20 Prozent. Der Wert der Ausgleichsenergie wird strukturell kleiner. Wer Bilanzkreise führt, muss Prognose und Flexibilitätsvermarktung anpassen.

Juni 2022
PICASSO Go-Live (aFRR)
Start mit DE, AT, CZ
Okt 2022
MARI Go-Live (mFRR)
Start mit CEPS und 4 deutschen ÜNB
alle 4 Sek
PICASSO räumt die Merit-Order
Grenzpreis je Richtung
16.04.2026
RTE geht auf MARI
Frankreich angeschlossen
Sept 2026
PSE-Anschluss geplant
Polen an MARI, vorläufig
bis 55 %
kleinere Spreads nach PICASSO
Beispiel Belgien

Was PICASSO ist und wie die Plattform arbeitet

Regelenergie ist die Reserve, mit der die Übertragungsnetzbetreiber das Gleichgewicht zwischen Einspeisung und Verbrauch sekundengenau halten. Fällt ein Kraftwerk aus oder liefert Wind weniger als prognostiziert, springt sie ein. Lange kaufte jedes Land diese Reserve auf seinem eigenen Markt ein. PICASSO ändert das für die schnelle, automatisch aktivierte Sekundärregelleistung, kurz aFRR.

zwei Ingenieure in der Leitstelle eines Übertragungsnetzbetreibers beobachten Netzschemata und Diagramme auf mehreren Monitoren
In der Leitstelle laufen die nationalen Gebote zusammen. PICASSO sucht das günstigste davon im gekoppelten Raum, egal in welchem Land es liegt.

Die Plattform ist seit Juni 2022 im Betrieb, gestartet mit Deutschland, Österreich und Tschechien. Ihr Kern ist die Aktivierungsoptimierung. Sie sammelt die aFRR-Gebote aller angeschlossenen Länder in einer gemeinsamen Merit-Order und aktiviert das jeweils günstigste, unabhängig davon, wo es steht. Das läuft im Sekundentakt: Alle 4 Sekunden rechnet die Plattform neu und bildet je Richtung, positiv wie negativ, einen Grenzpreis. Abgerechnet wird in 15-Minuten-Zeitscheiben.

aFRR steht für automatic Frequency Restoration Reserve, die automatisch aktivierte Frequenzwiederherstellungsreserve, in Deutschland als Sekundärregelleistung bekannt. Sie greift innerhalb von Sekunden bis wenigen Minuten und führt die Netzfrequenz nach einer Störung zurück auf 50 Hertz.

Der Kreis wächst. RTE aus Frankreich ist am 2. April 2025 auf PICASSO gegangen, die Niederlande und Belgien sind angeschlossen. MAVIR aus Ungarn plant den Anschluss für Anfang 2026, Transelectrica aus Rumänien nach eigener Ankündigung für April 2027. Gekoppelt ist PICASSO mit dem Imbalance-Netting-Verfahren IGCC, das gegenläufige Ungleichgewichte verschiedener Regelzonen verrechnet, bevor überhaupt Regelenergie fließt.

Was MARI ist und wo der Unterschied liegt

MARI ist das Gegenstück für die manuelle Minutenreserve, kurz mFRR. Wo PICASSO im Sekundentakt automatisch aktiviert, ruft MARI im 15-Minuten-Rhythmus manuell ab, für längere und tiefere Ungleichgewichte, die die schnelle Reserve nicht mehr allein trägt. Beide Plattformen räumen am Ende eine gemeinsame europäische Merit-Order, nur eben für unterschiedliche Regelarten.

Vergleichsdiagramm von PICASSO (aFRR) und MARI (mFRR): automatische gegen manuelle Aktivierung, 4-Sekunden- gegen 15-Minuten-Takt, beide münden in eine gemeinsame europäische Merit-Order
Zwei Regelarten, zwei Plattformen, eine gemeinsame Logik: das günstigste Gebot im gekoppelten Raum gewinnt.

MARI ist seit dem 5. Oktober 2022 im Betrieb, gestartet mit dem tschechischen Betreiber CEPS und den vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW. 2026 ist das Jahr der großen Anschlüsse. ESO aus Bulgarien ging am 18. Februar live, RTE aus Frankreich am 16. April. IPTO aus Griechenland ist für den Lauf des Jahres geplant, PSE aus Polen vorläufig für September 2026. Die nordischen Betreiber koordinieren ihren Beitritt gemeinsam, nach dem Start ihrer eigenen nordischen mFRR-Plattform.

Für die nationale Ebene bleibt die mFRR trotzdem eingebettet in die bekannten Prozesse. Wie sich die europäische Aktivierung mit der deutschen Bilanzkreisabrechnung über den MaBiS-Hub verzahnt, entscheidet am Ende darüber, welcher Preis beim einzelnen Bilanzkreis ankommt. Und die Viertelstundenbilanzierung gibt den Takt vor, in dem Abweichungen überhaupt gemessen und bepreist werden.

Der rechtliche Rahmen: Balancing Guideline und ACER

PICASSO und MARI sind keine freiwillige Kooperation williger Netzbetreiber, sondern europäisches Recht. Die Grundlage ist die Electricity Balancing Guideline, die Verordnung (EU) 2017/2195. Sie schreibt die gemeinsamen Plattformen vor, die aFRR-Plattform nach Artikel 21, die mFRR-Plattform nach Artikel 20, und verpflichtet die Übertragungsnetzbetreiber grundsätzlich zum Anschluss.

Die Betreiber konnten anfangs Fristverlängerungen beantragen, die sogenannten Derogationen. Diese Übergangsfristen liefen im Grundsatz Mitte 2024 aus, seither ist der Anschluss die Regel und die Verzögerung die begründungspflichtige Ausnahme. Genau das erklärt die Welle an Beitritten 2025 und 2026.

Parallel hält ACER, die europäische Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden, die Spielregeln aktuell. Mit den Beschlüssen 08/2024 und 09/2024 vom 9. Juli 2024 schärfte ACER die Balancing-Regeln nach. Dazu gehört eine harmonisierte Grenzpreisbildung über alle Plattformen, angepasste technische Preisgrenzen und eine elastische Nachfragefunktion, die den Ausgleich zwischen Zusatzkosten und Frequenzqualität besser abbildet. Der Zweck ist Effizienz: Je sauberer die Preisbildung, desto eher lohnt sich der Anschluss für weitere Länder. Den Fahrplan dokumentiert ENTSO-E in den Accession Roadmaps, zuletzt in Version 15 vom Februar 2026.

Was die Kopplung mit den Preisen macht

Der Effekt der Kopplung ist keine Theorie, er steht in den Marktdaten. Mehr angeschlossene Länder bedeuten eine tiefere gemeinsame Merit-Order, und in einer tieferen Merit-Order sind die letzten, teuren Gebote seltener nötig. Die Aktivierungspreise sinken, und mit ihnen die Ausschläge des Ausgleichsenergiepreises.

Windpark und ein entferntes Umspannwerk in flacher Landschaft, durch Freileitungen über das Feld hinweg verbunden
Physisch verbindet die Leitung Erzeuger und Netz. Ökonomisch verbindet die Plattform die Gebote über Grenzen hinweg.

Die Zahlen aus den Nachbarländern sind deutlich. In Belgien fielen die Spreads zwischen Day-Ahead- und Ausgleichsenergiepreis nach dem PICASSO-Beitritt um rund 55 Prozent. In den Niederlanden schrumpften sie um etwa 20 Prozent, grob von 50 auf 40 Euro je Megawattstunde. Deutschland spürt die Wirkung eher indirekt, weil angrenzende Zonen beitreten und ihre Liquidität in den gemeinsamen Topf geben.

Für die Vermarktung heißt das: Der Wert der Ausgleichsenergie wird weniger ereignisgetrieben und strukturell kleiner. Ein Modell, das auf historischen Preisen aus der Zeit vor der Kopplung trainiert wurde, kennt eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Genau hier setzt das KI-gestützte Bilanzkreismanagement an, das den Ausgleichsenergiepreis prognostiziert, statt auf ihn zu reagieren. Einfache Baseline-Strategien tragen in diesem Umfeld nicht mehr, es zählen Prognosegüte und schnelle Reaktion innerhalb der Zeitscheibe.

Was Bilanzkreisverantwortliche jetzt tun sollten

Die Plattformen sind kein fernes Thema der Übertragungsnetzbetreiber, sie schlagen bis in die Portfoliosteuerung durch. Wer Bilanzkreise führt oder Flexibilität vermarktet, plant die Konsequenzen besser jetzt ein, solange der Verbund noch wächst.

Die nächsten Schritte

  1. Ausgleichsenergie neu bewerten

    Rechne den erwartbaren Ertrag aus großen Spreads herunter, das Risiko einer teuren Unterdeckung bleibt aber bestehen. Prüfe, welche Positionen im Portfolio auf hohe Ausgleichsenergiepreise gesetzt haben, und wie robust sie sind, wenn diese Ausschläge kleiner werden.

  2. Prognose schärfen

    Der Ausgleichsenergiepreis wird strukturell und weniger ereignisgetrieben. Modelle, die auf Daten aus der Zeit vor der Kopplung beruhen, verlieren an Treffsicherheit. Nimm die Anschlüsse der Nachbarländer als Bruchpunkte in die Datenbasis auf, statt über sie hinwegzumitteln.

  3. Flexibilität an die neue Merit-Order ausrichten

    Ordne deine aFRR- und mFRR-Vermarktung der europäischen Merit-Order zu, nicht mehr nur der nationalen. Ein Gebot konkurriert jetzt mit Angeboten aus mehreren Ländern. Das verändert, wann und zu welchem Preis eine Flexibilität abgerufen wird.

  4. Fahrplan verfolgen und Systeme anpassen

    Behalte die Accession Roadmaps im Blick, jeder neue Beitritt verschiebt die Preisbildung. Richte Datenprozesse und Systeme auf die 4-Sekunden-Aktivierung von PICASSO und den 15-Minuten-Takt von MARI aus, damit die eigene Steuerung mit der Plattformlogik Schritt hält.

Weiterführende Informationen

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen PICASSO und MARI? +

PICASSO ist die europäische Plattform für automatische Sekundärregelleistung (aFRR), MARI die Plattform für manuelle Minutenreserve (mFRR). PICASSO aktiviert automatisch und räumt die grenzüberschreitende Merit-Order alle 4 Sekunden, für schnelle und kurze Ungleichgewichte. MARI aktiviert manuell auf Abruf im 15-Minuten-Rhythmus, für längere und tiefere Abweichungen. Beide setzen die Electricity Balancing Guideline (EU) 2017/2195 um und werden von den europäischen Übertragungsnetzbetreibern gemeinsam betrieben.

Was ändert sich 2026 bei den europäischen Regelenergie-Plattformen? +

2026 schließen sich mehrere große Übertragungsnetzbetreiber an. Auf MARI gingen ESO aus Bulgarien am 18. Februar 2026 und RTE aus Frankreich am 16. April 2026 live, IPTO aus Griechenland ist für das Jahr geplant, PSE aus Polen vorläufig für September 2026. Für PICASSO plant MAVIR aus Ungarn den Anschluss für Anfang 2026, Transelectrica aus Rumänien für April 2027. Jeder Beitritt vertieft die gemeinsame Merit-Order und drückt die Preise.

Welche Rechtsgrundlage haben PICASSO und MARI? +

Beide Plattformen setzen die Electricity Balancing Guideline (EU) 2017/2195 um, die aFRR-Plattform nach Artikel 21, die mFRR-Plattform nach Artikel 20. Die Übertragungsnetzbetreiber sind grundsätzlich zum Anschluss verpflichtet, die Übergangsfristen liefen im Grundsatz Mitte 2024 aus. ACER hat die Regeln mit den Beschlüssen 08/2024 und 09/2024 vom 9. Juli 2024 nachgeschärft, unter anderem mit einer harmonisierten Grenzpreisbildung und einer elastischen Nachfragefunktion.

Wie wirkt die Plattformkopplung auf die Ausgleichsenergiepreise? +

Mehr gekoppelte Länder bedeuten eine tiefere gemeinsame Merit-Order und damit niedrigere Aktivierungspreise. In Belgien fielen die Spreads zwischen Day-Ahead und Ausgleichsenergie nach dem PICASSO-Beitritt um rund 55 Prozent, in den Niederlanden um etwa 20 Prozent, von grob 50 auf 40 Euro je Megawattstunde. In Deutschland wirkt das indirekt, weil angrenzende Zonen beitreten und Liquidität teilen. Der Wert der Ausgleichsenergie wird weniger ereignisgetrieben und strukturell niedriger.

Was bedeutet die Plattformkopplung für Bilanzkreisverantwortliche und Stadtwerke? +

Der erwartbare Ertrag aus großen Ausgleichsenergie-Spreads sinkt, das Risiko einer Unterdeckung bleibt. Strategien, die auf historischen Preisen aus der Zeit vor der Kopplung beruhen, verlieren ihre Grundlage. Bilanzkreisverantwortliche und Stadtwerke sollten ihre Prognose schärfen, die Flexibilitätsvermarktung an die neue europäische Merit-Order anpassen, den Anschlussfahrplan der Nachbarländer verfolgen und ihre Systeme auf die 4-Sekunden- und 15-Minuten-Logik der Plattformen ausrichten.