Zwei Ingenieurinnen und Ingenieure in einer Netzleitstelle betrachten ein großes Wandschema des Mittelspannungsnetzes mit Einspeise- und Lastwerten.
ENERGIEWIRTSCHAFT & NACHHALTIGKEIT

KI-basierte Last- und Einspeiseprognose: Pflichtdisziplin für Verteilnetzbetreiber

Seit Redispatch 2.0 müssen Verteilnetzbetreiber anlagenscharfe Erzeugungs- und Netzprognosen liefern. Der Zubau volatiler Erzeuger und steuerbarer Verbraucher macht die Aufgabe jedes Jahr schwerer, während die Messtechnik nur langsam mitwächst.

Dieser Artikel ordnet ein, welche Prognosen ein Verteilnetzbetreiber erstellen muss, warum KI und Wetterdaten zum Standardwerkzeug werden, wie Prognosefehler direkt Ausgleichsenergiekosten treiben und woran die Prognosegüte in der Niederspannung heute noch scheitert.

Zusammenfassung

Last- und Einspeiseprognose ist im Verteilnetz von einer Planungshilfe zu einer regulatorischen Betriebspflicht geworden. Seit Redispatch 2.0 muss ein Verteilnetzbetreiber anlagenscharfe Erzeugungsprognosen, Verbrauchsprognosen und daraus eine Netzzustandsprognose mit rund 36 Stunden Vorlauf liefern, um Engpässe früh zu erkennen. KI-Modelle heben die Prognosegüte messbar: Fraunhofer verbesserte die Day-Ahead-Prognose des Verteilnetzbetreibers Albwerk um rund 40 Prozent im mittleren absoluten Fehler, probabilistische Modelle steigerten die Prognosegüte beim US-Netzbetreiber CAISO um rund 25 Prozent. Der Gewinn zeigt sich direkt in den Kosten, denn jeder Prognosefehler muss am Intraday-Markt ausgeglichen werden, wo Preise von rund 100 Euro pro MWh am Tag auf bis zu 1.000 Euro pro MWh in der Abendspitze springen. Das Kernproblem liegt nicht im Algorithmus, sondern in der Datenbasis: Im Niederspannungsnetz fehlen Messpunkte, die Beobachtbarkeit ist gering, und genau dort baut §14a EnWG seit 2025 Wärmepumpen und Wallboxen zu. Für Netzbetreiber und Direktvermarkter heißt das, zuerst Datenqualität und Netzabbildung zu lösen, dann Prognosemodelle darauf aufzusetzen und die Prognosegüte fortlaufend im Betrieb zu messen.

ca. 36 h
Vorlauf der Prognose
Anforderung aus Redispatch 2.0
ca. 40 %
weniger Prognosefehler mit KI
Albwerk, Day-Ahead, MAE, Fraunhofer
ca. 25 %
bessere Prognosegüte durch ML
Netzbetreiber CAISO, probabilistisch
bis 1.000
Euro pro MWh in der Abendspitze
Day-Ahead-Basis rund 100 Euro pro MWh
ca. 800
Verteilnetzbetreiber in Deutschland
vom Stadtwerk bis zum Flächennetz
4,2 kW
Schwelle steuerbarer Verbraucher
§14a EnWG, seit 2025 im Zubau

Warum Prognose zur Pflichtdisziplin geworden ist

Prognose ist im Verteilnetz keine Planungshilfe mehr, sondern eine regulatorische Betriebspflicht. Mit Redispatch 2.0 müssen Verteilnetzbetreiber seit Oktober 2021 anlagenscharfe Erzeugungsprognosen erstellen und Netzengpässe vorausschauend erkennen. Der Zubau volatiler Erzeuger und steuerbarer Verbraucher macht diese Aufgabe jedes Jahr schwerer, während die Datenbasis nur langsam mitwächst.

Für dich als Netzbetreiber oder Direktvermarkter verschiebt sich damit der Anspruch. Es geht nicht mehr um eine grobe Tagesplanung, sondern um belastbare Vorhersagen je Netzabschnitt, die einer Prüfung standhalten. Genau das ist der Grund, warum KI und Wetterdaten hier vom Pilotprojekt zum Standardwerkzeug werden.

  • Redispatch 2.0 verlangt Erzeugungs-, Verbrauchs- und Netzauslastungsprognosen mit rund 36 Stunden Vorlauf.
  • Rund 800 Verteilnetzbetreiber sind betroffen, vom kleinen Stadtwerk bis zum großen Flächennetzbetreiber.
  • §14a EnWG bringt seit 2025 Wärmepumpen und Wallboxen ins Niederspannungsnetz, deren Verhalten schwer vorhersehbar ist. Wie die Steuerung dieser Verbraucher funktioniert, zeigt der Beitrag zur Steuerbox nach §14a EnWG .

Was genau prognostiziert werden muss

Verteilnetzbetreiber brauchen drei ineinandergreifende Prognosetypen. Die Einspeiseprognose sagt die Erzeugung aus PV und Wind voraus, die Verbrauchsprognose die Last, und aus beiden ergibt sich die Netzzustandsprognose je Netzabschnitt. Erst die Kombination erlaubt es, Engpässe zu erkennen, bevor sie auftreten.

Ablaufdiagramm: Wetter-, Anlagen- und Verbrauchsdaten fließen in ein KI-Prognosemodell, das Einspeise-, Verbrauchs- und Netzzustandsprognose erzeugt.
Von Wetter- und Netzdaten zur Netzzustandsprognose. Aus drei Datenquellen erzeugt ein KI-Modell die Teilprognosen, aus denen der Netzbetreiber Engpässe erkennt und Redispatch vorbereitet.
  • Einspeiseprognose: anlagen- und parkscharfe Vorhersage aus netzknotenscharfen Wetterprognosen, für jede Erzeugungsanlage im Netzgebiet.
  • Verbrauchsprognose: die Last je Netzabschnitt, zunehmend geprägt durch Elektromobilität und Wärmepumpen.
  • Netzzustandsprognose: die Zusammenführung zu einer belastbaren Aussage über drohende Überlastungen. Werkzeuge wie GridSage vom ZSW verarbeiten dafür Wetter-, Anlagen- und Netzdaten in einem Schritt.

Warum KI und Wetterdaten zum Standard werden

KI-Modelle liefern bei volatiler Erzeugung messbar bessere Prognosen als klassische Verfahren. Sie kombinieren mehrere Wettermodelle, lernen aus historischen Abweichungen und verarbeiten netzknotenscharfe Daten in einer Genauigkeit, die manuell nicht erreichbar ist.

Eine Analystin prüft am frühen Morgen zwei Monitore mit Wetterkarten und Prognosekurven, daneben eine gedruckte Wetterkarte auf dem Schreibtisch.
Wetterdaten sind der wichtigste Rohstoff der Prognose. Außentemperatur und Globalstrahlung bestimmen in PV-reichen Netzgebieten den größten Teil der Einspeisung.

Der Gewinn zeigt sich direkt in der Fehlerkennzahl. Ein besserer mittlerer absoluter Fehler bedeutet weniger Ausgleichsenergie und damit weniger Kosten, ohne dass zusätzliche Netztechnik nötig wäre.

  • Fraunhofer verbesserte die Day-Ahead-Prognose des Verteilnetzbetreibers Albwerk um rund 40 Prozent im mittleren absoluten Fehler.
  • Probabilistische Modelle steigerten die Prognosegüte beim US-Netzbetreiber CAISO um rund 25 Prozent gegenüber dem Referenzwert.
  • Außentemperatur und Globalstrahlung sind die wichtigsten Einflussgrößen in Netzgebieten mit vielen PV-Anlagen.
  • Mehrere Wettermodelle werden gewichtet kombiniert, nicht durch ein einzelnes Modell ersetzt. Die Datenverfügbarkeit bleibt der begrenzende Faktor.

Deutsche und EU-Perspektive

Der regulatorische Rahmen macht Prognose verbindlich und prüfbar. Das EU Clean Energy Package von 2019 hat Verteilnetzbetreiber zu aktiven Akteuren im Netzbetrieb gemacht, Deutschland hat das über Redispatch 2.0 und §14a EnWG konkretisiert. Ab 2029 gelten einheitliche Steuerungs- und Dokumentationsanforderungen für alle Netzbetreiber.

§14a EnWG gilt seit dem 1. Januar 2024, seit dem 1. März 2025 greifen Dokumentationspflichten zur Steuerbarkeit. Für den Winter 2025/2026 wird die Redispatch-Menge auf rund 17 TWh geschätzt, etwa 30 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Rückgang zeigt, dass Netzausbau und bessere Prognose zusammen wirken.

Die Prognose steht dabei nicht allein. Sie speist dieselben Marktprozesse, die auch die dynamischen Tarife brauchen, die der Beitrag zu den Tarifmodellen 2026 beschreibt. Wo Verbrauch steuerbar wird, wächst der Wert einer guten Vorhersage.

Prognosefehler als Kostentreiber

Jeder Prognosefehler hat einen Preis. Weicht die tatsächliche Einspeisung von der Prognose ab, muss die Differenz am Intraday-Markt oder über Ausgleichsenergie beschafft werden. In knappen Stunden treibt das die Kosten schnell in den fünfstelligen Bereich, weshalb die Prognosegüte direkt auf die Bilanz durchschlägt.

  • Day-Ahead-Preise liegen bei rund 100 Euro pro MWh, Abendspitzen bei bis zu 1.000 Euro pro MWh.
  • Präzisere Prognosen senken den Bedarf an Regel- und Ausgleichsenergie und dämpfen langfristig die Kosten für Verbraucher.
  • Batteriespeicher gleichen positive und negative Prognosefehler sekundenschnell aus, ersetzen aber keine gute Prognose. Wie Speicher und KI zusammenspielen, zeigt der Beitrag zu virtuellen Kraftwerken .

Herausforderungen und Risiken

Die größte Hürde ist nicht der Algorithmus, sondern die Datenbasis. Im Niederspannungsnetz fehlen Messpunkte, die Beobachtbarkeit ist gering, und Daten stammen aus Systemen verschiedener Hersteller mit unterschiedlichen Standards. Ohne saubere, topologisch korrekt zugeordnete Daten bleibt jede Prognose unsicher.

Ein Techniker prüft mit einem Messgerät an einem geöffneten grauen Ortsnetzverteiler die Kabel, im Hintergrund Reihenhäuser mit Dach-Solaranlagen.
Die Prognosegüte entscheidet sich in der Niederspannung. Wo Messpunkte fehlen, muss der Netzzustand geschätzt statt gemessen werden, und der Zubau von PV und Wallboxen erhöht die Unsicherheit.
  • Fehlende Beobachtbarkeit: Messtechnik im Mittel- und Niederspannungsnetz ist die Ausnahme, viele Ortsnetzstationen liefern keine Echtzeitdaten.
  • Zuordnung der Daten: Smart-Meter- und Wechselrichterdaten müssen der Netztopologie korrekt zugeordnet werden, sonst rechnet das Modell am realen Netz vorbei.
  • Datenqualität vor Verfahren: Datenqualität und Datenschutz begrenzen die Modellgüte stärker als die Wahl des Algorithmus.
  • Modelldrift: KI-Prognosen brauchen laufende Überwachung, sonst driften Modelle bei geänderten Verbrauchsmustern. Die nötige Datenbasis liefert unter anderem der Smart-Meter-Rollout .

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Prognose gehört in den Regelbetrieb, nicht in ein Innovationslabor. Netzbetreiber und Direktvermarkter lösen zuerst Datenqualität und Netzabbildung, setzen dann Prognosemodelle darauf auf und messen die Prognosegüte fortlaufend. Wer Prognosefehler systematisch nachverfolgt, senkt Ausgleichsenergiekosten und erfüllt die regulatorischen Pflichten zugleich.

Vier vorrangige Schritte

  1. Datenbasis zuerst

    Messpunkte, Netztopologie und Stammdaten sauber halten, bevor Modelle skaliert werden. Eine falsch zugeordnete Anlage verfälscht die Prognose für den ganzen Netzabschnitt.

  2. Prognosegüte messen

    Den mittleren absoluten Fehler als Kennzahl im Betrieb verankern, nicht nur im Projekt. Nur wer die Güte laufend misst, sieht Modelldrift früh und kann nachsteuern.

  3. Make or buy klären

    Vorhandene Werkzeuge und Dienstleister prüfen, statt jede Prognose selbst zu bauen. Für viele Verteilnetzbetreiber ist ein spezialisierter Prognosedienst günstiger als ein eigenes Data-Science-Team.

  4. Menschliche Kontrolle behalten

    KI-Prognosen überwachen, dokumentieren und bei Modelldrift nachsteuern. Die Verantwortung für den sicheren Netzbetrieb bleibt beim Betreiber, nicht beim Modell.

Prognose ist ein Baustein der digitalen Energiewende, kein Einzelthema. Sie greift in dieselbe Digitalisierung wie das Engpassmanagement, das der Beitrag zu Redispatch 3.0 beschreibt. Erst Prognose, Marktprozess und Netzsteuerung zusammen ergeben ein vollständiges Bild.

Weiterführende Informationen

Häufig gestellte Fragen

Welche Prognosen muss ein Verteilnetzbetreiber erstellen? +

Seit Redispatch 2.0 muss ein Verteilnetzbetreiber drei ineinandergreifende Prognosen liefern: eine anlagenscharfe Einspeiseprognose für Erzeugung aus PV und Wind, eine Verbrauchsprognose je Netzabschnitt und daraus eine Netzzustandsprognose, die drohende Engpässe erkennt. Die Prognosen haben rund 36 Stunden Vorlauf. Damit ist die Prognose keine Kür, sondern eine regulatorische Betriebspflicht.

Warum nutzen Verteilnetzbetreiber KI für Prognosen? +

KI-Modelle liefern bei volatiler Erzeugung deutlich genauere Prognosen als klassische Verfahren. Sie kombinieren mehrere Wettermodelle, lernen aus historischen Abweichungen und verarbeiten netzknotenscharfe Daten. Fraunhofer verbesserte die Day-Ahead-Prognose des Verteilnetzbetreibers Albwerk um rund 40 Prozent im mittleren absoluten Fehler, was direkt günstigere Ausgleichsenergie bedeutet.

Was kostet ein Prognosefehler? +

Weicht die tatsächliche Einspeisung von der Prognose ab, muss die Differenz am Intraday-Markt oder über Ausgleichsenergie beschafft werden. Day-Ahead-Preise liegen bei rund 100 Euro pro MWh, Abendspitzen bei bis zu 1.000 Euro pro MWh. In knappen Stunden treibt ein größerer Prognosefehler die Kosten schnell in den fünfstelligen Bereich.

Was ist das größte Hindernis für gute Prognosen im Verteilnetz? +

Nicht der Algorithmus, sondern die Datenbasis. Im Niederspannungsnetz fehlen Messpunkte, die Beobachtbarkeit ist gering, und Daten stammen aus Systemen verschiedener Hersteller mit unterschiedlichen Standards. Ohne saubere, topologisch korrekt zugeordnete Daten bleibt jede Prognose unsicher. Genau auf dieser Ebene baut §14a EnWG jetzt Wärmepumpen und Wallboxen zu.

Was sollten Netzbetreiber jetzt tun? +

Zuerst die Datenbasis lösen: Messpunkte, Netztopologie und Stammdaten sauber halten, bevor Prognosemodelle skaliert werden. Danach die Prognosegüte als Kennzahl im Regelbetrieb verankern, nicht nur im Projekt messen. Vorhandene Werkzeuge und Dienstleister prüfen statt jede Prognose selbst zu bauen, und die KI-Prognosen laufend überwachen, damit Modelle bei geänderten Verbrauchsmustern nicht driften.