Project Glasswing: ENISA und NATO im KI-Sicherheitsprogramm
Anthropic hat Project Glasswing am 2. Juni 2026 auf 200 Partnerorganisationen ausgeweitet. Das Bedeutsame daran: ENISA ist das erste EU-Institut außerhalb der USA und Großbritanniens, das Zugang zu Claude Mythos erhält. Deutschland ist explizit dabei. Für deutsche Unternehmen in NIS2-pflichtigen Sektoren hat das direkte strategische Konsequenzen.
Project Glasswing hat seit dem Start am 7. April 2026 über 23.000 Sicherheitslücken in systemisch wichtiger Software gefunden. Am 2. Juni 2026 erweiterte Anthropic das Programm auf 200 Partner in 15 Ländern, darunter erstmals die EU-Cybersicherheitsagentur ENISA und NATO. ENISA ist das erste Institut außerhalb USA und UK mit Claude-Mythos-Zugang, das Ergebnis intensiver US-EU-Verhandlungen. Für deutsche KRITIS-Betreiber ist das relevant, weil ENISA als Glasswing-Teilnehmer Leitlinien entwickeln wird, die auf NIS2-Compliance einwirken.
Von 50 auf 200: Was sich am 2. Juni 2026 geändert hat
Project Glasswing startete am 7. April 2026 mit rund 50 Partnerorganisationen, hauptsächlich US-amerikanischen Technologiekonzernen wie Apple, Google, Microsoft, AWS und CrowdStrike. Diese nutzten Claude Mythos, um ihre eigenen Codebasen auf Sicherheitslücken zu untersuchen. Das Ergebnis: über 23.000 Lücken in systemisch wichtiger Software, mehr als 10.000 davon als "hoch" oder "kritisch" eingestuft. Am 2. Juni 2026 gab Anthropic eine deutliche Erweiterung des Programms bekannt.
Die 150 neuen Mitglieder kommen aus mehr als 15 Ländern und decken Bereiche ab, die im ersten Durchgang kaum vertreten waren. Explizit genannte neue Partner: ENISA, NATO, der US-Identitätsanbieter Okta sowie die südkoreanischen Konzerne Samsung, SK Hynix und SK Telecom. Deutschland wird als eines der 15+ Länder ausdrücklich aufgeführt.
Glasswing-Start
Anthropic startet Project Glasswing mit 12 Gründungspartnern und rund 40 weiteren Organisationen. Claude Mythos findet in den ersten Wochen tausende Sicherheitslücken autonom.
Formelle US-EU-Sitzung
USA und EU-Kommission halten eine formelle Koordinierungssitzung ab, um die Bedingungen für ENISAs Zugang zu Claude Mythos festzulegen.
Expansion auf 200 Partner
Anthropic gibt die Erweiterung auf 200 Organisationen in 15+ Ländern bekannt. ENISA erhält als erstes EU-Institut Zugang zu Claude Mythos. NATO und Deutschland sind dabei.
ENISA als Glasswing-Partner: Erstmals außerhalb USA und UK
Die Aufnahme der European Union Agency for Cybersecurity ist ein geopolitischer Einschnitt: Sie ist die erste Institution außerhalb der USA und Großbritanniens, die Zugang zu Claude Mythos erhält. Claude Mythos ist nicht öffentlich verfügbar, weil Anthropic das Missbrauchsrisiko als zu hoch einstuft. Das macht jeden Zugang zu einem Verhandlungsergebnis, nicht zu einer Selbstverständlichkeit.
Was ENISA mit dem Zugang tun wird
ENISA wird Claude Mythos einsetzen, um in ganz Europa kritische Infrastruktur auf Schwachstellen zu untersuchen. Der geografische Scope umfasst alle EU-Mitgliedsstaaten. Als Glasswing-Teilnehmer wird ENISA in den kommenden Monaten Erkenntnisse und Empfehlungen veröffentlichen. Für NIS2-pflichtige Unternehmen in Deutschland ist das relevant: ENISAs Vorgaben haben direkten Einfluss auf nationale Aufsichtsbehörden wie das BSI.
BSI: In direktem Kontakt mit Anthropic
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik steht nach Medienberichten in direktem Kontakt mit Anthropic. Ob und wann das BSI offiziell Glasswing-Teilnehmer wird, ist noch offen. Klar ist: Sobald das BSI in das Programm eintritt, werden konkrete Vorgaben oder Empfehlungen für KRITIS-Betreiber in Deutschland folgen. Die Entwicklung sollte eng verfolgt werden.
Für die EU-Souveränitätsdebatte ist das Signal ambivalent: Europa bekommt Zugang zum führenden KI-Sicherheitstool, aber unter US-amerikanischen Nutzungsbedingungen und US-Governance. Für die Praxis überwiegt der Nutzen: besser mit Glasswing als ohne.
Kritische Infrastruktur auf dem Prüfstand
Die neuen Glasswing-Sektoren entsprechen exakt den Bereichen, die die NIS2-Richtlinie als "wesentliche Einrichtungen" klassifiziert: Energie, Wasser, Gesundheit, Kommunikation und digitale Infrastruktur. Für deutsche Unternehmen bedeutet das eine direkte Verbindung zwischen dem Glasswing-Programm und ihrer regulatorischen Pflicht. NIS2 ist seit Oktober 2024 in deutsches Recht umgesetzt und verpflichtet KRITIS-Betreiber zu aktivem Schwachstellenmanagement und Meldepflichten innerhalb von 24 Stunden.
Jede Partnerorganisation in Glasswing hätte laut Anthropic bei einem erfolgreichen Angriff auf ihre Infrastruktur mehr als 100 Millionen Menschen betroffen. Das ist kein abstraktes Risiko: Ein einzelner Angriff auf eine nicht gepatchte, bekannte Schwachstelle hat 2025 über 2.500 Unternehmen in 106 Ländern vollautomatisch kompromittiert.
"What each partner has in common is that a successful attack on their codebase could be catastrophic."
Die Verbindung zur deutschen Regulierung ist konkret: Das BSI hat Schwachstellenausnutzung als zentrale Bedrohung eingestuft. Wer als KRITIS-Betreiber nicht aktiv nach Schwachstellen sucht, riskiert nicht nur Angriffe, sondern auch Bußgelder nach NIS2. Claude-Mythos-Ergebnisse könnten künftig als Maßstab für das geforderte Sicherheitsniveau herangezogen werden.
Der neue Maßstab: KI-Sicherheitsscanning als regulatorische Erwartung
Die Glasswing-Expansion setzt einen neuen Benchmark für alle, die KRITIS-Betreibern Sicherheitsleistungen erbringen: KI-gestütztes Schwachstellenscanning wird zur Erwartung, nicht zur Ausnahme. Das hat Konsequenzen für Sicherheitsabteilungen, Managed-Security-Provider und Aufsichtsbehörden. OpenAI hat parallel GPT-5.5-Cyber an ausgewählte Partner zur Testphase gegeben - der Wettbewerb um den Standard für KI-Cybersicherheit in Europa hat begonnen.
Das Kernproblem: Finden ist nicht gleich Beheben
Weniger als 1 Prozent der von Claude Mythos entdeckten Schwachstellen wurden bisher behoben. Das zeigt: Der Engpass liegt nicht mehr bei der Erkennung, sondern bei der Behebungsgeschwindigkeit. Die mediane Zeit von der Offenlegung einer Schwachstelle bis zu einem einsatzbereiten Exploit ist von 771 Tagen im Jahr 2018 auf wenige Stunden im Jahr 2024 gefallen. Wer Lücken findet, aber nicht schließt, schafft Transparenz für Angreifer.
Kritik: Wer profitiert, wer nicht
Das Glasswing-Programm bevorzugt große Technologiekonzerne und Regierungsbehörden. Kleinere Open-Source-Projekte und der Mittelstand haben keinen direkten Zugang. IBM hat eigene kommerzielle Erweiterungen auf Basis von Glasswing-Erkenntnissen angekündigt - das Ökosystem kommerzieller KI-Sicherheitsprodukte baut sich auf den Ergebnissen des Programms auf, ohne allen denselben Zugang zu geben. Außerdem steht die Frage der Verantwortung für die Offenlegung ungeklärt: Wer entscheidet, wann eine von Mythos gefundene Lücke öffentlich gemacht wird, wenn tausende gleichzeitig gefunden werden?
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Für deutsche Unternehmen in NIS2-pflichtigen Sektoren hat der 2. Juni 2026 eine klare Botschaft: ENISA und das BSI sind jetzt aktiv in das führende KI-Sicherheitsprogramm eingebunden. Was ENISA als Ergebnis seiner Glasswing-Arbeit publiziert, wird auf die regulatorischen Anforderungen in Deutschland einwirken.
Fünf Schritte zur Vorbereitung
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Patch-Velocity messen
Bestimme, wie lange es bei euch heute von der Erkennung einer kritischen Schwachstelle bis zur Behebung dauert. Diese Baseline entscheidet, ob dein Betrieb die NIS2-Meldepflicht (24 Stunden) einhalten kann.
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BSI-Verlautbarungen verfolgen
Sobald das BSI offiziell in das Glasswing-Programm eintritt, werden Anforderungen oder Empfehlungen für KRITIS-Betreiber folgen. Plane jetzt Ressourcen ein, um diese umzusetzen.
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Schwachstellen-Management KI-fähig machen
Klassische Penetrationstests liefern ein Ergebnis pro Quartal. KI-gestütztes Scanning liefert tausende Befunde pro Woche. Prüfe, ob dein MSSP oder internes Team auf dieses Volumen vorbereitet ist.
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ENISA-Publikationen auswerten
ENISA wird die Glasswing-Ergebnisse in Leitlinien und Empfehlungen einfließen lassen. Für NIS2-pflichtige Unternehmen sind diese nicht optional - abonniere den ENISA-Newsletter und plane eine jährliche Überprüfung ein.
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Bestehende Sicherheitsartikel lesen
Eine fundierte Einschätzung zu Project Glasswing und Claude Mythos sowie zu KI-Agenten und Enterprise-Sicherheit findest du in den verlinkten Artikeln.
Weiterführende Informationen
Häufig gestellte Fragen
Project Glasswing ist eine Initiative von Anthropic, bei der das KI-Modell Claude Mythos autonom Sicherheitslücken in systemisch wichtiger Software sucht. Seit dem Start am 7. April 2026 nehmen Organisationen aus Technologie, kritischer Infrastruktur und Regierungsbehörden teil. Das Modell arbeitet vollständig autonom, ohne menschliche Steuerung, und hat bereits über 23.000 Lücken gefunden.
ENISA ist das erste EU-Institut außerhalb der USA und Großbritanniens mit Zugang zu Claude Mythos. Das ist das Ergebnis intensiver US-EU-Verhandlungen. Es markiert den ersten Schritt zur Integration des KI-Sicherheitsprogramms in den europäischen regulatorischen Rahmen und öffnet den Weg für NIS2-relevante Empfehlungen.
Die neuen Glasswing-Sektoren (Energie, Wasser, Gesundheit, Kommunikation) entsprechen exakt den NIS2-pflichtigen "wesentlichen Einrichtungen" in Deutschland. ENISA wird als Glasswing-Teilnehmer Leitlinien entwickeln, die auf NIS2-Anforderungen einwirken. Das BSI steht in direktem Kontakt mit Anthropic. Betreiber sollten ihre Patch-Velocity messen und BSI-Verlautbarungen engmaschig verfolgen.
Claude Mythos hat seit April 2026 über 23.000 Sicherheitslücken gefunden, davon mehr als 10.000 als "hoch" oder "kritisch" eingestuft. Von 1.726 manuell durch Anthropic-Forscher verifizierten Funden wurden 90,6 Prozent als korrekt bestätigt, 1.094 davon als hochkritisch. Weniger als 1 Prozent der Lücken wurden bisher behoben.
Der Engpass liegt nicht mehr bei der Erkennung, sondern bei der Behebungsgeschwindigkeit. Weniger als 1 Prozent der gefundenen Lücken wurden bisher behoben. Die mediane Zeit von der Offenlegung bis zum einsatzbereiten Exploit ist von 771 Tagen (2018) auf wenige Stunden (2024) gesunken. Unternehmen müssen ihre Patch-Prozesse grundlegend beschleunigen.
Ja. OpenAI hat parallel GPT-5.5-Cyber an ausgewählte Partner zur Testphase gegeben. Anthropic selbst warnt, dass Wettbewerber in 6 bis 12 Monaten vergleichbare Modelle entwickeln könnten. Der Wettbewerb um den Standard für KI-gestützte Cybersicherheit in Europa hat begonnen.