Am 24. Februar 2026 hat Anthropic die Remote Control-Funktion als Research Preview veröffentlicht. Claude Code Remote ist weit mehr als ein Feature-Update: Es ist der jüngste Baustein in einer Strategie, die KI-gestützte Softwareentwicklung von der Autovervollständigung zum vollwertigen Agenten-System transformiert. Mit einer annualisierten Run Rate von 2,5 Milliarden US-Dollar, 29 Millionen täglichen VS-Code-Installationen und rund 4 Prozent aller öffentlichen GitHub-Commits eröffnet Claude Code neue Möglichkeiten für IT-Transformation, SAP-Migration und Prozessautomatisierung.
Claude Code ist Anthropics agentisches Coding-Tool, das direkt im Terminal, in VS Code, JetBrains, als Desktop-App oder im Web läuft. Anders als klassische Autovervollständigungs-Tools wie GitHub Copilot in seiner Grundversion ist Claude Code ein vollständiger Software-Engineering-Agent : Er liest Codebases, bearbeitet Dateien, führt Terminal-Befehle aus, verwaltet Git-Workflows und iteriert selbstständig über Fehlermeldungen.
Im Kern arbeitet Claude Code in einer sogenannten agentischen Schleife aus drei Phasen: Kontext sammeln (Dateien lesen, Projektstruktur verstehen), Aktionen ausführen (Code schreiben, Befehle ausführen) und Ergebnisse verifizieren (Tests starten, Outputs prüfen).
| Modus | Wo läuft der Code? | Anwendungsfall |
|---|---|---|
| Remote Control | Lokal auf dem eigenen Rechner | Laufende Session vom Smartphone oder Browser weiterführen |
| Claude Code on the Web | Auf Anthropics Cloud-Infrastruktur | Parallele Aufgaben, kein lokales Setup nötig |
| SSH-Sessions | Auf einem Remote-Server, VM oder DevContainer | Vollzugriff auf Remote-Maschine |
Die neue
Remote Control-Funktion
ist konzeptionell besonders interessant: Claude läuft weiterhin auf dem lokalen Rechner des Entwicklers. Die Mobile- oder Web-Oberfläche ist lediglich ein Fenster in diese lokale Session. Dateisystem, MCP-Server, Tools und Projektkonfiguration bleiben vollständig lokal verfügbar. Gestartet wird per
claude remote-control
im Terminal, woraufhin ein QR-Code erscheint, der mit der Claude-App gescannt oder als URL im Browser geöffnet wird.
Claude Code unterscheidet sich fundamental von Autovervollständigungs-Tools durch seine Tool-Use-Architektur . Beim Start in einem Verzeichnis erhält Claude Zugriff auf das Projekt (Dateien und Unterverzeichnisse), das Terminal (Build-Tools, Git, Package-Manager), den Git-Zustand (Branch, uncommitted Changes, History) und die CLAUDE.md-Konfigurationsdatei.
Isolierte Kontextfenster für Teilaufgaben, die parallel arbeiten können
Mehrere koordinierte Claude-Instanzen mit Lead-Agent-Koordination
Shell-Befehle, die vor oder nach Claude-Aktionen ausgeführt werden
Verbindungen zu externen Datenquellen wie Jira, Slack oder Datenbanken
Die Agent-Teams-Funktion, eingeführt mit Opus 4.6 im Februar 2026, ermöglicht es, mehrere Claude-Instanzen parallel an verschiedenen Teilen eines Problems arbeiten zu lassen. Ein Lead-Agent koordiniert dabei die Arbeit der Teammates. Empfohlen wird ein Start mit 3 bis 5 Teammates und 5 bis 6 Aufgaben pro Agent. Der Tokenverbrauch liegt dabei bei etwa dem 7-Fachen einer Standard-Session.
Das Sicherheitsmodell von Claude Code basiert auf mehreren Ebenen:
Für Enterprise-Kunden bietet Anthropic zusätzlich: Zero Data Retention (keine Speicherung von Daten auf Anthropic-Servern), Managed Policies zur organisationsweiten Durchsetzung von Sicherheitsrichtlinien, Compliance-API für Echtzeit-Zugriff auf Nutzungsdaten, SOC 2 Type 2 und ISO 27001-Zertifizierungen sowie HIPAA-fähige Infrastruktur.
Das Model Context Protocol (MCP) ist ein offener Standard, der Claude Code mit externen Datenquellen und Tools verbindet. Über MCP lassen sich Design-Dokumente aus Google Drive lesen, Tickets in Jira aktualisieren, Daten aus Slack ziehen oder Datenbankverbindungen herstellen. MCP hat sich 2025/2026 zum De-facto-Standard für KI-Tool-Integration entwickelt, mit über 1.000 Community-entwickelten Servern .
Die Evolution der KI-gestützten Softwareentwicklung lässt sich in drei Generationen einteilen:
Autovervollständigung: Zeilenweise Code-Vorschläge, reaktiv, passiv wartend
Kontextbewusste Assistenten: Chatbasiert, mehrdateienfähig, projektbezogen
Agentisches Coding: Autonome Agenten, die Repositories verstehen, mehrstufige Pläne formulieren, Tests ausführen und bei Fehlern iterieren
Die Zahlen untermauern diesen Wandel: 92 Prozent der US-Entwickler nutzen 2026 täglich KI-Tools. Gartner verzeichnet einen 1.445-prozentigen Anstieg der Anfragen zu Multi-Agent-Systemen von Q1 2024 bis Q2 2025. Microsoft meldet, dass KI bereits 30 Prozent seines Codes schreibt, Google beziffert den Anteil auf 25 Prozent.
| Tool | Stärke | Limitation | Preis |
|---|---|---|---|
| GitHub Copilot | 82% Enterprise-Adoption, breite IDE-Unterstützung | 8.192-Token-Kontextfenster | ab 10 USD/Monat |
| Cursor | Parallele Subagents, VS-Code-vertraute Oberfläche | Proprietäre Fork-Strategie, Vendor-Lock-in | ab 20 USD/Monat |
| Windsurf | Beste Autocomplete-Geschwindigkeit | Unklare Zukunft nach gescheitertem OpenAI-Deal | ab 15 USD/Monat |
| Claude Code | 200.000-Token-Kontext, Enterprise via Bedrock/Vertex | Terminal-First kann Einstiegshürde sein | ca. 6 USD/Tag (API) |
Über 650 agentenbasierte Pull Requests werden monatlich in Produktion gemergt. Bei komplexen Code-Migrationen meldet Spotify eine Zeitersparnis von bis zu 90 Prozent. Senior Engineers haben seit Dezember 2025 "keine einzige Zeile Code mehr selbst geschrieben".
Mit der Plattform NovoScribe wurde die Erstellung von Zulassungsdokumenten von 10+ Wochen auf 10 Minuten reduziert. Ein Team von 11 Personen arbeitet nach eigener Aussage wie ein Vielfaches seiner Größe.
Agenten setzen Anweisungen aus einem Jira-Ticket bis zum committeten Code autonom um. CTO Sridhar Masam beschreibt dies als Wechsel "von Risikovermeidung zu Risikokalibrierung" in regulierten Umgebungen.
30 Prozent Verbesserung der Code-Delivery-Velocity bei einem Durchsatz von über 100 Milliarden Token pro Monat.
Anthropic selbst meldet intern einen 67-prozentigen Anstieg der gemergten PRs pro Entwickler pro Tag, wobei 70 bis 90 Prozent des Codes mit Claude-Code-Unterstützung entsteht.
Für den deutschen Energiesektor, geprägt durch Energiewende, Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung gleichzeitig, bietet KI-gestützte Softwareentwicklung besonders großes Potenzial. Die Herausforderungen sind bekannt: Fachkräftemangel, komplexe regulatorische Anforderungen (§14a EnWG, NIS2, KRITIS), der Smart-Meter-Rollout und die anstehende SAP-S/4HANA-Migration vieler Stadtwerke.
Über 35 produktionsreife Claude-Code-Plugins für SAP BTP, CAP, Fiori, ABAP, HANA. Bei der Migration nach S/4HANA erreicht KI-gestützte Code-Remediation Erfolgsraten von 70 bis 80 Prozent .
Über 70 Prozent der globalen Energieinfrastruktur ist älter als 25 Jahre. Claude Code unterstützt bei Predictive Maintenance, Anomalieerkennung und Echtzeit-Netzoptimierung.
Automatisierung von Zählerstandserfassung, Mahnverfahren, Bankdatenänderungen. Octopus Energy erreicht mit KI-generierten E-Mail-Antworten eine Kundenzufriedenheit von 80 Prozent .
Modern Systems konvertierte 8,5 Millionen Zeilen COBOL zu Java mit 99,5 Prozent Genauigkeit für einen US-Gesundheitsdienstleister, in Monaten statt Jahren.
Die CLAUDE.md-Datei im Projektstamm wird bei jedem Sessionstart gelesen und dient als persistentes Gedächtnis für Projektstandards, Architekturentscheidungen, bevorzugte Libraries und Build-Befehle. Die empfohlene Struktur folgt dem WAS/WARUM/WIE-Prinzip.
Zuerst in den Plan Mode wechseln (Shift+Tab zweimal), dann mit gezielten Fragen recherchieren
Dateien direkt per @-Syntax referenzieren, Fehlermeldungen vollständig übergeben
Implementierungsplan anfordern, dann in den Normal Mode wechseln für die Umsetzung
80 Prozent der Bugs werden in weniger als drei Austauschen gelöst bei vollständigem Kontext
Wenn nicht benötigt, Hooks deaktivieren für zusätzliche Sicherheit
Nur explizit vertrauenswürdige MCP-Server aktivieren
curl, wget und .env-Zugriff blockieren
In Docker oder VMs sandboxen, niemals als Root ausführen
Anthropics eigener Trends-Report für 2026 identifiziert acht Entwicklungen. Die wichtigsten: Der Software Development Lifecycle verändert sich dramatisch. Ingenieure wechseln vom Code-Schreiben zum Orchestrieren von Agenten. Einzelne Agenten weichen koordinierten Teams. Langläufige Agenten bauen komplette Systeme über Stunden und Tage.
Gleichzeitig mahnen differenzierte Stimmen zur Vorsicht. Die Einstellungen von Berufseinsteigern an den Top-15-US-Techunternehmen sind seit 2019 um 55 Prozent gefallen. Für Unternehmen bedeutet das: Die wertvollsten Fähigkeiten verschieben sich hin zu Architekturverständnis, Agentenkoordination und der Fähigkeit, KI-generierten Code kritisch zu bewerten.
Claude Code Remote ist kein isoliertes Feature. Es ist ein Signal für die Richtung der gesamten Softwareentwicklung. Die Kombination aus agentischem Verhalten, Remote-Zugriff, Enterprise-Sicherheit und wachsendem Ökosystem (MCP, SAP-Plugins, CI/CD-Integration) macht Claude Code zu einem ernstzunehmenden Werkzeug für IT-Transformation.
Der Wechsel von Autocomplete zu Agenten ist vergleichbar mit dem Übergang von Wasserfall zu Agile
Über Bedrock/Vertex erstmals volle Datensouveränität für agentisches Coding in Europa
Gerade für SAP-Migrationen und Legacy-Systeme kann KI-gestütztes Coding den entscheidenden Hebel darstellen
Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell Unternehmen die organisatorischen Voraussetzungen schaffen