Du hattest nie eine Nische, sondern zwanzig Interessen gleichzeitig. Jahrelang galt das als Problem. Mit AI-Tools und Vibe Coding wird genau diese Vielseitigkeit zu deinem größten Vorteil. Dieser Artikel zeigt dir mit Studien, Praxisbeispielen und einem konkreten Framework, warum das so ist und wie du sofort loslegen kannst.
Es gibt ein Geständnis, das viele zu lange zurückgehalten haben: Wir sind nicht diese fokussierten Produktivitäts-Maschinen, die jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen und einer einzigen Mission folgen. Wir sind vielseitig. Wir haben mehr Ideen vor dem Frühstück als manche Leute im ganzen Monat. Wir starten Projekte mit der Begeisterung eines Kindes am Weihnachtsmorgen und vergessen sie Stunden später, weil etwas Neues glitzert.
Jahrelang haben viele gedacht: Das ist ein Problem. Die Welt hat es oft genug gesagt: "Fokussier dich." "Mach eine Sache richtig." "Jack of all trades, master of none." Viele haben es versucht. Aber es hat nie funktioniert. Nicht, weil der Wille fehlte, sondern weil das Gehirn anders verdrahtet ist.
Für Menschen mit diesem Profil gibt es seit einigen Jahren einen Namen: Multipotentialites . Die Autorin und Rednerin Emilie Wapnick hat diesen Begriff geprägt. In ihrem TED-Talk "Why Some of Us Don't Have One True Calling" mit über 8 Millionen Aufrufen beschreibt sie Menschen, die nicht eine Leidenschaft haben, sondern zwanzig.
Wapnick identifiziert drei zentrale Stärken von Multipotentialites:
Multipotentialites sehen Verbindungen zwischen Disziplinen, wo andere nur isolierte Silos wahrnehmen. Neues entsteht oft genau an diesen Schnittstellen.
Sie tauchen tief und schnell in neue Themen ein. Dieses Muster wiederholt sich bei jedem neuen Interessengebiet und beschleunigt sich mit der Zeit.
Sie passen sich flexibel an neue Situationen an und bringen dabei die gesammelten Erfahrungen früherer Phasen mit. Jeder Wechsel ist eine Erweiterung, kein Neuanfang.
In ihrem 2017 bei HarperCollins erschienenen Buch How to Be Everything , das in 13 Sprachen übersetzt und mit dem Nautilus Book Award ausgezeichnet wurde, bietet Wapnick praktische Strategien für ein Leben mit vielen Interessen.
So ermutigend Wapnicks Botschaft ist, sie löst nicht das fundamentale Problem. Die alte Rechnung war hart:
Der Punkt ist: Es fehlte nie an Ideen. Was fehlte, war die Kapazität, sie umzusetzen. Bis jetzt.
Am 2. Februar 2025 veröffentlichte Andrej Karpathy , Mitgründer von OpenAI und ehemaliger AI-Direktor bei Tesla, einen Tweet, der eine Bewegung auslöste:
Im November 2025 wurde "Vibe Coding" zum Collins Dictionary Wort des Jahres 2025 gewählt. Das Collins-Wörterbuch, das einen Korpus von 24 Milliarden Wörtern überwacht, hatte einen massiven Anstieg der Begriffsverwendung registriert.
Du bist der Dirigent. AI ist das Orchester. Statt zwischen Ideen wählen zu müssen, testest du sie.
Die AI-Entwicklerin Sabrina Ramonov setzte ihre 10-jährige Nichte eines Abends vor einen Laptop. Das Mädchen hatte keinerlei Tech-Erfahrung , hatte nie eine Coding-Klasse besucht und keine Ahnung, was "Vibe Coding" bedeutet.
In zwei Stunden hatte sie zwei funktionierende Apps gebaut:
Ein digitales Tagebuch mit Stimmungs-Tracking, das basierend auf der gewählten Emoji-Stimmung den Hintergrund ändert und passende Musik abspielt.
Eine Sprachlern-App mit drei japanischen Alphabeten, Vokabeln, Aussprache und Sprachausgabe.
"Build an online diary where on each page I write about my thoughts and can attach photos. It should look like a 2-page diary, with a flip animation."
Niemand hatte ihr gesagt, dass es schwer sein sollte. Sie hatte keine Angst. Sie hat einfach beschrieben, was sie wollte, und dann iteriert.
Ramonov fasst es treffend zusammen: Vibe Coding verschiebt den Fokus von der Mechanik auf die Bedeutung hinter dem Produkt. Statt Schreiberin zu sein, die über jedes Wort grübelst, wirst du zur Regisseurin, die sich auf jedes Bild, jede Emotion und jeden Moment der Geschichte konzentriert.
Die Möglichkeiten von AI-Tools gehen weit über vielseitig Interessierte hinaus. Gerade für Menschen mit neurodivergenten Veranlagungen wie ADHS oder Autismus entfalten diese Werkzeuge eine besondere Hebelwirkung.
Der Entwickler bei WorkOS beschreibt in seinem Blogpost , wie er AI als programmierbares Unterstützungssystem nutzt: Kontext speichern, Leitplanken bieten und Crash-Zyklen nach Hyperfokus-Phasen mildern.
Der Cybersecurity Engineer baute mit Claude Code und Obsidian einen AI-Assistenten , der seine Arbeit trackt und täglich priorisiert, je nach Modus: Hyperfokus, zerstreut oder Scham-Modus.
Eine Studie des britischen Handelsministeriums zeigt: Neurodivergente Arbeitnehmer haben 25% höhere Zufriedenheit mit AI-Assistenten als neurotypische Befragte.
AI-Tools tun genau das, was neurodivergente oder vielseitige Gehirne oft schwer können: Kontext speichern, Struktur geben und die langweiligen Teile übernehmen. Gleichzeitig verstärken sie das, was diese Gehirne besonders gut können: kreative Sprünge, ungewöhnliche Verbindungen und schnelle Iteration.
Vernetztes Denken produziert bessere Prompts als lineares Denken. Ein guter Prompt ist keine technische Spezifikation. Es ist eine Vision in Worten. Und wer jahrelang Ideen im Kopf jongliert hat, kann beschreiben, was er will, präzise, bildhaft und mit einem intuitiven Gespür für das Wesentliche.
Wenn die Einstiegshürde so radikal sinkt, taucht eine unbequeme Frage auf: Wenn es so einfach ist, war das dann wirklich ich?
Das klassische Impostor-Syndrom, 1978 von den Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beschrieben, ist das nagende Gefühl, nicht dazuzugehören. Heute gibt es eine neue Variante: das AI-Impostor-Syndrom . "Ich hab's gebaut, aber AI hat die Arbeit gemacht. Zählt das?"
Basil Tewfik von der MIT Sloan School of Management zeigte in seiner Forschung, dass Mitarbeitende mit häufigeren Impostor-Gedanken oft als zwischenmenschlich wirksamer wahrgenommen werden. Sie hören aufmerksamer zu, arbeiten authentischer zusammen und suchen eher Hilfe.
Du musst nicht jede Zeile Code schreiben, um Schöpfer zu sein. Du musst wissen, was du willst und warum es wichtig ist.
Wenn man die Praxisbeispiele mit harten Daten untermauert, wird das Ausmaß der Veränderung greifbar:
YC-CEO Garry Tan kommentierte: "This isn't a fad. This is the dominant way to code." 92 Prozent der US-Entwickler nutzen AI-Coding-Tools bereits täglich, global sind es 82 Prozent mindestens wöchentlich.
Die ehrliche Antwort: Niemand weiß genau, wo das alles hinführt. Aber genau diese Unsicherheit ist der Grund, warum Multipotentialites, vielseitige Köpfe und Ideenmenschen gerade einen Moment haben.
Wenn AI die Tiefe liefern kann, liegt der menschliche Wert in der Fähigkeit, Verbindungen herzustellen, die keine Maschine sieht. Genau das, was Wapnick als "Ideensynthese" beschreibt.
In einer Welt, in der sich Werkzeuge monatlich verändern, ist die Fähigkeit, schnell Neues aufzunehmen und anzuwenden, wertvoller als ein statischer Wissensbestand.
Wenn ein Prototyp an einem Nachmittag entstehen kann, verschiebt sich der Wert von detaillierter Vorausplanung hin zu schneller Iteration und Bereitschaft, Ideen zu testen.
Spezialisten bleiben relevant. Aber die vielseitigen Denker müssen sich nicht mehr entschuldigen. Ihre hundert Ideen sind hundert Experimente. Ihr "Chaos" ist Anpassungsfähigkeit.
Genug der Theorie. Hier ist ein konkretes Framework, um vom Chaos zum funktionierenden Prototyp zu kommen.
Nicht die "beste" Idee wählen. Die, die nicht loslässt. Stell dir diese Fragen: Welches Problem nervt mich seit Monaten? Was würde ich bauen, wenn ich zaubern könnte? Welche App suche ich ständig und finde sie nicht? Ein Satz. Mehr nicht.
Aus dem Satz wird ein Starter-Prompt: "Ich möchte [WAS] bauen. Es soll [KERNFUNKTION] tun. Die Hauptnutzer sind [WER]. Es sollte [EINFACHES DESIGN-ELEMENT] haben. Fang mit der einfachsten Version an, die funktioniert."
Jetzt geht es an ein Vibe-Coding-Tool, ob Cursor , Replit , Lovable oder Claude Code. Wichtig: Ein Feature pro Prompt. Beschreib Probleme, nicht Lösungen. Erst fixen, dann weiterbauen.
Reality Check: Öffne es auf dem Handy. Funktioniert's? Zeig es einer Person, die nichts davon weiß. Versteht sie es? Benutze es selbst für 24 Stunden. Was nervt? Das ist der Prototyp. Nicht perfekt. Nicht fertig. Aber real.
Wer noch Starthilfe braucht, findet hier Copy-Paste-Prompts für verschiedene Projekt-Typen:
Der Trend zu AI-gestützter Entwicklung hat auch in Deutschland Fahrt aufgenommen. Dabei gibt es spezifische Chancen und regulatorische Rahmenbedingungen, die du kennen solltest.
Vibe Coding ermöglicht kleinen und mittleren Unternehmen, eigene digitale Werkzeuge zu bauen, ohne teure Entwicklerteams. Das ist für den deutschen Mittelstand besonders relevant.
Die deutsche Startup-Szene kann von niedrigeren Einstiegshürden profitieren. Prototypen entstehen schneller, Validierungszyklen werden kürzer, das Risiko sinkt.
Deutsche Hochschulen und Weiterbildungsinstitute können Vibe Coding in ihre Programme integrieren, um digitale Kompetenz breiter zugänglich zu machen.
Mit 137.000 offenen IT-Stellen in Deutschland kann Vibe Coding dazu beitragen, dass Nicht-Programmierer einfache digitale Lösungen selbst erstellen.
Die Adoption von AI-Coding-Tools in Deutschland ist nicht ohne Hürden. Datenschutzbedenken, eine traditionell konservative IT-Kultur in vielen Unternehmen und die Komplexität des regulatorischen Rahmens bremsen die Verbreitung.
Wenn du diesen Artikel bis hierhin gelesen hast, sagt das etwas über dich. Wahrscheinlich hast du Ideen. Vielleicht hast du einen Friedhof angefangener Projekte. Und du hast dir schon oft selbst gesagt: "Wenn ich doch nur Zeit, Geld oder Skills hätte..."
Was bleibt, ist die Frage: Welche deiner Ideen testest du als erstes? Du musst nicht alles auf einmal machen. Such dir eine Idee aus, die dich nicht loslässt. Öffne eines der Vibe-Coding-Tools. Beschreib, was du willst. Und schau, was passiert.
Die Spezialisten werden nicht irrelevant. Aber die vielseitigen Denker haben aufgehört, sich zu entschuldigen. Ihr "Chaos" ist Anpassungsfähigkeit. Ihre hundert Ideen sind hundert Experimente. Ihre Unfähigkeit, sich auf eine Sache zu fokussieren, ist ein Portfolio von Wetten auf die Zukunft.