Ein Jahr nach der ersten Erhebung zeigt sich: Die digitale Transformation der Verteilnetze stockt. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen (61%) ordnet sich einem Digitalisierungsgrad unter 50% zu. Während die technischen Grundlagen sich verbessert haben, gelingt es den Netzbetreibern bisher nur in Ansätzen, Prozesse tiefgreifend zu automatisieren und systemübergreifend zu vernetzen.
Die Studie "Digital Grid Insights 2025" wurde gemeinsam mit Envelio und energate durchgeführt und umfasst über 130 Verantwortliche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Der Digitalisierungsgrad in den Verteilnetzen stagniert, obwohl die Zeit drängt.
der Netzbetreiber sehen sich bei einem Digitalisierungsgrad unter 50%
der Unternehmen haben einen Automatisierungsgrad unter 50%
der befragten Unternehmen nutzen bereits Künstliche Intelligenz
der Netzbetreiber nutzen bereits einen digitalen Zwilling
Weder beim Digitalisierungsgrad noch bei der Automatisierung ist in diesem Jahr ein messbarer Sprung zu erkennen – obwohl die Zeit drängt. Die Mehrheit der Befragten befindet sich in einem "aktiven Umsetzungsmodus", aber noch nicht in der Reifephase.
Nur 8% der Unternehmen sehen einen hohen Reifegrad von über 75%. Die "digitale Mitte" dominiert. Diese Entwicklung lässt sich als Ausdruck eines schleppenden Digitalisierungsfortschritts werten.
Im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich keine positive Entwicklung: 2024 sahen sich sogar weniger Unternehmen (54%) bei einem Digitalisierungsgrad unter 50%, allerdings bei kleinerer Stichprobe. Mit der größeren Stichprobe 2025 (109 statt 68 Teilnehmende) entsteht ein repräsentativeres Bild.
Besonders deutlich wird der Handlungsbedarf im Bereich der Automatisierung. Obwohl viele Unternehmen digitale Systeme eingeführt haben, bleibt der Automatisierungsgrad im operativen Netzbetrieb niedrig.
69% der Unternehmen geben an, dass der Automatisierungsgrad unter 50% liegt. Nur 6% haben ihre Prozesse weitgehend automatisiert.
Die Branche befindet sich in Deutschland in einer frühen Umsetzungsphase: Technologien sind vorhanden, doch die Integration in operative Abläufe stockt.
Österreich hat den höchsten Anteil hochautomatisierter Unternehmen (19%), Deutschland stagniert im unteren Mittelfeld, während die Schweiz den höchsten Anteil an sehr niedrig automatisierten Unternehmen aufweist (47%).
Gleichzeitig befindet sich das Thema Künstliche Intelligenz (KI) auf dem Vormarsch: Über 70% der befragten Organisationen sammeln erste Erfahrungen mit KI. Allerdings meist als unterstützendes Werkzeug, nicht als integraler Bestandteil der Prozesssteuerung oder Netzplanung.
Die Mehrheit der befragten Unternehmen gibt an, Künstliche Intelligenz wie Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) zu nutzen.
KI wird eher punktuell und als "nützliches Add-on" eingesetzt, jedoch nicht als integriertes Element in Prozessen.
Der nächste Schritt wird darin liegen, KI von einer Add-on-Technologie zu einem zentralen Bestandteil der Prozesse zu entwickeln.
Die größten Herausforderungen des digitalen Fortschritts bleiben menschlicher und struktureller Natur. Finanzielle Faktoren treten in den Hintergrund – es geht weniger um Investitionsfähigkeit, sondern viel mehr um Kompetenzen und die Integrationsfähigkeit bestehender IT-Landschaften.
Internes Know-how und Fachwissen werden von der Mehrheit als größte Hürde genannt. Dies deutet auf einen Fachkräftemangel hin.
Mangelnde technische Integration in bestehende Systeme bleibt ein struktureller Dauerbrenner ohne spürbare Entspannung.
IT-Sicherheit erlebt als Herausforderung den mit Abstand größten Bedeutungszuwachs (+22 Prozentpunkte gegenüber 2024) – ein Zeichen wachsender Cyberrisiken im Energiesektor.
Digitalisierung wird damit zunehmend zu einer Organisationsaufgabe: Wer Erfolg haben will, muss Silos aufbrechen, Datenflüsse vereinheitlichen und Wissen im Unternehmen aufbauen, auch in Zeiten von personellen Engpässen.
Die Digitalisierung von technischen Prozessen verläuft noch schleppend. Obwohl ein digitaler Zwilling des Netzes die Basis für viele Digitalisierungs- und Automatisierungsthemen ist, ist er aktuell nur bei 41% der teilnehmenden Unternehmen implementiert.
der Verteilnetzbetreiber planen heute langfristige Zielnetze
derjenigen, die aktuell keinen digitalen Zwilling nutzen, planen dessen Einführung
der befragten Organisationen verwenden KI-gestützte Modelle für die Zielnetzplanung
Die größten langfristigen Herausforderungen in der Netzplanung liegen laut deutscher Teilnehmer in: politischen Unsicherheiten (64%), unklaren regulatorischen Vorgaben (61%) und Datenverfügbarkeit (60%).
Ein zentrales Zukunftsthema ist die stärkere Verzahnung von Netzplanung und -betrieb ("PlanOps"). Das Konzept stößt auf hohe Zustimmung: Fast 80% der deutschen Netzbetreiber sehen großes Potenzial in der Zusammenarbeit zwischen Planung und Betrieb.
Fast die Hälfte der befragten Unternehmen (48%) hat diese Zusammenarbeit bereits institutionalisiert. 32% verfügen sogar über dedizierte PlanOps-Rollen.
87% nutzen operative Datenquellen bereits für die Planung. Die Daten fließen aber nur bei rund der Hälfte der Befragten automatisiert zurück in die Planung.
Fast 80% der deutschen Netzbetreiber sehen großes oder sehr großes Potenzial in PlanOps. Die Umsetzung steckt jedoch vielerorts noch in den Anfängen.
Der Trend deutet darauf hin, dass sich PlanOps in den kommenden Jahren zu einem entscheidenden Hebel für Effizienz und Geschwindigkeit entwickeln könnte. Mit Blick auf die anstehende NEST-Festlegung der Bundesnetzagentur wird PlanOps künftig noch wichtiger.
Der politische Druck bleibt spürbar: Mehr als die Hälfte der Befragten (57%) nimmt die regulatorischen Anforderungen weiterhin als große Herausforderung wahr. Gleichzeitig verläuft die Umsetzung zentraler Vorgaben schleppend.
Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität ist alarmierend. Besonders kritisch ist, dass viele Betreiber bereits innerhalb der nächsten drei Jahre Engpässe und Steuerbedarfe erwarten: 41% der befragten Unternehmen sehen eine hohe bis sehr hohe Notwendigkeit, Verbraucher zu steuern, und 51% stimmen einer hohen Notwendigkeit zur Steuerung von Einspeisern zu.
Flexible Connection Agreements bleiben ein Nischenthema: Nur 12% setzen sie um, 21% prüfen sie. In der Schweiz scheint das Konzept bekannter zu sein, wird aber kaum angewendet, während Österreich sich hier etwas aufgeschlossener zeigt.
Die Digital Grid Insights 2025 zeigen, dass die Branche an einer Schwelle steht: Entweder gelingt nun der Sprung zur digitalen Tiefe, mit automatisierten Prozessen, vernetzten Datenmodellen und KI-gestützter Steuerung, oder die digitale Mitte wird zur neuen Komfortzone.
Die größten Herausforderungen liegen in:
Die nächsten Jahre werden wegweisend sein für die Frage, ob die Energiebranche den Schritt von der Pilotphase zur flächendeckenden Umsetzung schafft. Denn erst wenn Daten, Systeme und Menschen zusammenspielen, wird die Digitalisierung der Netze zum echten Erfolgsfaktor der Energiewende.
Deutschland hat gute Voraussetzungen, diese Herausforderungen zu meistern, wenn es gelingt, die Brücke zwischen Digitalisierung und Automatisierung zu schließen. Der Fokus wird sich vermutlich noch stärker auf Integration, Interoperabilität und Datenqualität verschieben.